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Die Fussball-WM sperrt die Musik aus

Von Wolfgang Böhler

 

09.06.2006 —Im Umfeld der Fussball-WM 2006 werden eine Fülle an musikalischen Rahmenveranstaltungen durchgeführt: Sie reichen vom  Megakonzert mit drei grossen bayerischen Orchestern über zahllose Randveranstaltungen in städtischen und weniger städtischen Eins-, Zwei- und Dreispartentheatern bis zur Eröffnungsfeier, die vom Fussball und Oratorien-Experten Moritz Eggert orchestriert wird. Die Plattenläden wiederum ertrinken in Fussball-Sondereditionen, die von den Lieblingstiteln des brasilianischen Superstars Ronaldinho bis zu den angesagten Party-Hits für Kicker und ihre Entourage reichen. Da könnte man meinen, die Musik käme an dem Mega-Anlass nun wirklich nicht zu kurz. Leider ist aber das Gegenteil der Fall: Sie ist eine der Verliererinnen. Ausgerechnet an der Weltmeisterschaft bleibt die authentische Musikkultur des runden Leders aussen vor.

Vor lauter musikalischer Hyperaktivität darf nämlich vergessen werden, dass Fussballstadien heutzutage für viele der einzige Ort sind, wo sie noch singen, und zwar lange, ausgiebig und aus vollem Herzen. Die Fangesänge, die in den sechziger Jahren in englischen Stadien erstmals eine höchst inspirierende Liaison mit der Popmusik eingegangen sind, haben eine eigene, verblüffend reiche musikalische Subkultur etabliert. Der deutsche Musikpsychologe Reinhard Kopiez ist ihr mit wissenschaftlichen Pionierarbeiten auf den Grund gegangen. Dabei hat er festgestellt, dass die Fangruppen in einem Spiel locker hundert gesangliche Interventionen hinkriegen und dabei nicht bloss zwei, drei Liedfetzen grölen, sondern um die dreissig bis fünfzig Melodien aus dem Pop-Repertoire mit eigenen, derb-originellen Texten unterlegen (Reinhard Kopiez, Guido Brink: Fussball-Fangesänge. Eine Fanomenologie, Verlag Königshausen & Neumann). Dieses archaisch-anarchistische Liedgut lässt sich nicht kommerzialisieren. Versuche von Klubs, «offizielle» Hymnen unter die Leute zu bringen, scheitern regelmässig am subersiven Witz der Männerchöre in den Stadionkurven.

Ausgerechnet diese Stimmungsinfusionen werden an der WM weitgehend fehlen – im besten Fall dürften simple nationale und nationalistische Musikklischees die Stadien zwischen München und Gelsenkirchen füllen. Zum einen sind die ausgeklügelten Gesänge untrennbar mit der Kultur des Klubfussballs und ihrer organisierten Fans verbunden. Die Nationalmannschaften haben keine vergleichbare kontinuierlich gepflegte Unterstützung auf der Tribüne. Zum andern gibt es in den Stadien während der WM-Spiele aus Sicherheitsgründen keine Stehplätze. Im Sitzen will aber nicht so recht Stimmung aufkommen, um «Che será» und «We Are The Champions» zu skandieren oder gefallene Tore in kleinen Terzen zu feiern.

Nur dass wir uns richtig verstehen: Der Entscheid zugunsten der Sicherheit geht vor und ist völlig in Ordnung. Nur wenn der musikalische Aktionismus rund um die Fifa-Trophäe die Vermutung wecken könnte, die WM sei auch ein Musikereignis, dann muss man widersprechen. Sie ist ein Musikvermarktungsereignis. Und da der friedliche Wettbewerb der Völker versöhnlich stimmen muss, kann man ergänzen: Wenn das Ereignis der finanziell nicht gerade gesegneten Kulturbranche auch noch etwas Extrageld in die Kasse spült, so soll’s recht sein. Dem Erhabenen und Exquisiten können wir ja die restlichen 48 Wochen im Jahr frönen. (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

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