Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Langfristiger Erfolg im Musikgeschäft

Von Wolfgang Böhler

 

18.08.2006 — In einem Büchlein des St. Galler Management-Spezialisten Fredmund Malik kann man auf eine interessante Aussage stossen (wir zitieren frei aus dem Gedächtnis): Ein guter Manager oder Unternehmer muss nicht Stil haben. Er darf es selbstverständlich, aber sein Stil bleibt seine Privatangelegenheit. Als Kunde oder Geschäftspartner kann uns sein Stil hingegen herzlich egal sein. Was wir von ihm im Geschäftsleben wirklich erwarten, ist Anstand. Unternehmerische Professionalität und Glaubwürdigkeit äussern sich nicht in der richtigen Wahl des Jackenstoffs, des trockenen Weissweins und des gepflegten Small Talks, sondern durch etwas weitaus nüchterneres: im menschlichen, von Respekt geprägten Wohlverhalten.

Auch im Musikleben gilt es, Güter abzuwägen: Im Kulturleben wird allgemein immer mehr davon gesprochen, dass Marken aufgebaut werden müssten – ein Sog, dem sich die Konzertveranstalter zur Zeit nur schwerlich entziehen können. Von der eidgenössischen Filmförderung wird im Moment (beinahe wären wir versucht gewesen, hier «grossmäulig» einzufügen, nehmen davon aber Abstand) die Marke «Schweizer Film» beschworen. Im zeitgemässen Kulturmanagement finden sich mittlerweile Anleitungen und gute Ratschläge zuhauf, wie man den eigenen Musikanlass zur Marke macht und diese Marke pflegt.

In der Wahrnehmung der Musikliebhaber zählt aber im Grunde genommen nicht die Marke eines Anlasses oder Ensembles, sondern deren Ruf. Diesen haben sich hervorragende Veranstaltungen dadurch erworben, dass sie das Publikum dank gedanklicher Originalität und visionärer Programmierung herausgefordert oder gar provoziert und damit bewegt haben. Markenspezialisten gehen hingegen davon aus, dass Konsumenten heute nicht mehr der dumben Zumutung ausgesetzt werden dürfen, beunruhigt zu werden. Das Zweckargument dazu ist so effektiv wie billig: Man beschwört das emanzipierte Publikum und entsagt dem «belehrenden» Gestus der «Besserwisser». Dem Publikum darf man nicht vorschreiben, was es toll und was es abartig zu finden habe. Das wäre als Argument beinahe unschlagbar, wenn damit in Tat und Wahrheit nicht bloss gemeint wäre, dass das Publikum ein Recht auf pannenfreie Unterhaltung hat. Das hält den Betrieb berechenbar. Sponsoren mögen so etwas.

Ideelle Konturen entwickeln sich aber leider reziprok zur Markenpflege, denn lebendige Musik nährt sich nicht vom Eventcharakter, sondern von einer Idee. Und im Gegensatz zur Pflege der Marke, die eine Frage des Marketings darstellt, ist die Wahrung des guten Rufes eine solche des Charakters. Dass dies im vorherrschenden Zeitgeist vergessen zu gehen droht, wird Langzeitfolgen haben. Es steht nämlich zu befürchten, dass viele traditionsreiche Musikanlässe und Veranstalter vom Ersparten leben. Sie bauen eine Marke auf dem guten Ruf auf, den sich der Anlass über Jahre oder Jahrzehnte mit einem künstlerisch kantigen, herausfordernden und gedanklich anregenden Programm erarbeitet hat.

Mit der Zeit werden alle Kanten und Widerhaken abgeschliffen und getilgt sein; es wird bloss noch die Marke übrigbleiben, Langeweile wird sich breitmachen und die Leute werden sich fragen, weshalb sie ins Konzert gehen sollen, wenn sie ihr Cüpli ebensogut an spassigeren Sponsorenanlässen konsumieren können. (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

Schreibe einen Kommentar