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02.09.2006 — Unter dem Patronat von Bundesrat Pascal Couchepin und Bundesrätin Doris Leuthard sowie mehr als einem halben Hundert weiteren Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Bildung, Politik und Wirtschaft ist diese Woche in Bern die Initiative «NaTech Education» lanciert worden. Das Ziel: Naturwissenschaften und Technikverständnis sollen besser in die Bildungskonzepte der Schweiz integriert werden (über die Initiative gibt die Webseite www.natech-education.ch detailliert Auskunft). Hinter der Initiative stehen die wichtigen nationalen Ingenieursvereinigungen, der ETH-Rat und Interessensverbände von Bund und Industrie.
Solches Lobbying riecht im ersten Moment nach Konfrontation. Im Nachklang der 68er-Bewegung wurden Anfang der neunziger Jahre mit der Reform der Schweizer Maturitätsverordnung nämlich erklärtermassen die Kunst-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zu den Leitdisziplinen der Schulbildung gemacht. Die damals treibenden Kräfte dürften die Initiative deshalb – wenn sie sich aus einer ewiggestrigen Polit- und Sozialromantik nicht zu befreien vermögen – als Angriff «technokratischer und kapitalistischer» Wirtschaftsinteressen interpretieren.
Der Gegensatz ist allerdings falsch: Es geht – und ging schon Ende des 20. Jahrhunderts – nicht darum, Disziplinen gegeneinander auszuspielen: Ingenieurswissenschaften und Nationalökonomie sind genauso kreativ und können ebenso subversiv sein wie Literatur oder Neue Musik, und Malerei kann genauso aus knallharten finanziellen Interessen betrieben werden wie Investment Banking.
Hinter dem Konflikt verbirgt sich vielmehr ein Methodenstreit. Die Frage ist nämlich, ob man ein schöpferisches Denken betont, welches die individuelle Persönlichkeit zum Massstab macht, oder ob man eine Form des kreativen Denkens favorisiert, welches akzeptiert, dass nicht der Mensch, sondern die Natur die Regeln aufstellt.
Mit der Maturitätsreform ist das Pendel auf die «tolerante» Seite ausgeschlagen: Wenn etwa ein Satz in einem Deutschaufsatz nicht funktionieren will, streicht man ihn einfach oder modifiziert die Aussage, die man machen will. Derartige «kreative» Lösungsansätze mit einem fliegenden Umdefinieren der Ziele führen in den «harten» Disziplinen zu nichts: Wenn sich ein Gleichungssystem nicht lösen lässt, können nicht einfach die Anzahl Variablen oder der Grad der Schwierigkeit geändert werden (sie können’s auch, aber bloss, um mögliche Hinweise auf die Erreichung des ursprünglichen Ziels zu erhalten.)
Das empiristisch-mathematische Denken schult Geduld und Durchhaltewillen, weil es dazu zwingt, immer neue Wege und Strategien zu suchen, um schliesslich an einem unverrückbaren Ziel anzukommen: Schon der ägyptische König Ptolomäus musste sich von Euklid sagen lassen, dass es keinen Königsweg zur Mathematik gibt. Abstraktes Denken und die Durchführung wissenschaftlicher Experimente verkörpern deshalb einen zentralen Aspekt der Persönlichkeitsbildung: Sie schulen die Bereitschaft, sich an den Anforderungen der Aussenwelt und weniger an den eigenen psychischen Bedürfnissen zu orientieren und fördern die Klarheit des Ausdrucks. Diese Fähigkeiten sind auch unabdingbar, wenn gute und gültige Kunst geschaffen werden soll, egal ob es sich dabei um akademische, subversive oder volkstümliche Ausdrucksformen handelt.
Der Rückgang der technischen Fähigkeiten ist verbunden mit der Verringerung der Frustrationstoleranz und der guten Beobachtungsgabe. Die Interessensvertreter von Kunst und Kultur haben deshalb selber alles Interesse daran, dass da Gegensteuer gegeben wird.
Sie sollten sich der Initiative deshalb unbedingt anschliessen, allerdings mit einer zentralen Forderung: Den entscheidenden Schritt müssen nicht in erster Linie die Pädagogen der Kunst-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften tun. Vielmehr gilt es, die ästhetische Intuition und das Einfühlungsvermögen von Mathematik-, Physik-, und Naturkundelehrern zu schulen. Diese sind nämlich mit einem besonders schwierigen Stück der Charakterbildung ihrer Zöglinge betraut: Sie müssen sie in einer vertrauensvollen Atmosphäre in der Erfahrung begleiten, dass nicht sie selber, sondern die Welt das Mass aller Dinge ist. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
