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15.09.2006 — Weshalb gehen die Jungen kaum mehr ins klassische Konzert? Zur Beantwortung der Frage wird in der Regel auf die bildungsbürgerlichen Rituale des Konzertbetriebs verwiesen, die auf viele Heranwachsende abschreckend wirken sollen. Zu Recht, denn die tun das tatsächlich. An einem Podiumsgespräch im Theater Basel machte der Theaterpädagoge Martin Frank dieses Jahr aber auch eine interessante Bemerkung: Musik diene für Jugendliche der Attraktivitätssteigerung und Kommunikation im erotischen Bereich. Das Bedürfnis, Neuland zu erobern, mache es jedoch sehr schwierig, die völlig erschlossene klassische Musik dafür attraktiv zu gestalten.
Der eher flüchtig hingeworfene Hinweis will nicht mehr aus dem Kopf. Er hat etwas für sich. Allerdings gilt es etwas genauer zu betrachten, welche Art der Erotik sich mit Musik verbindet und weshalb Jugendliche klassische Musik als völlig erschlossen empfinden, obwohl sie das eigentlich keineswegs ist. Viele Werke des 20. Jahrhunderts sind zum Beispiel noch kaum jemals im Konzertsaal zu hören gewesen. Die wirklich ausgelutschten hingegen – Bachs Air, Boccherinis Menuett, Pachelbels Kanon und alle weiteren der üblichen Verdächtigen – sind ausgerechnet diejenigen, die sich auf Chill-out- und Kuschelklassik-Scherben auch einem jüngeren Publikum noch aufschwatzen lassen.
Überlegt man sich das etwas genauer, kommt man zum Schluss, dass es keineswegs die Art Musik selber ist, die in einer Krise steckt. Vielmehr hat das Nachdenken über die Musik einen Tiefpunkt erreicht. Dafür gibt es Gründe: Da wirkt etwa – zumindest im deutschsprachigen Raum – der elitäre, eher misanthropische Einfluss Adornos und der Kritischen Theorie nach. Sie haben das Blickfeld in einem Verweigerungsgestus auf eine linientreue Avantgarde verengt. Der Austausch über Szenegrenzen hinweg – etwa zu Jazz, Pop oder Worldmusic – wird dadurch nicht unbedingt gefördert. Ebenso wenig die Neugier auf anderes.
Der Befund ist mittlerweile wissenschaftlich untermauert worden – von der Soziologin Henriette Zehme in einer Untersuchung im Rahmen der Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik: Laut Zehme (Zeitgenössische Musik und ihr Publikum, ConBrio Verlag, Regensburg 2005 ) ist der typische Hörer zum Beispiel der Musik von Helmut Lachenmann männlich und selber Komponist, Musiker oder Musikwissenschaftler. Er hat einen Hochschulabschluss und geht oft – meist allein – ins Konzert. Er beschäftigt sich seit 17,82 Jahren mit zeitgenössischer Musik, und – jetzt kommts – er hält diese für innovativ und für ein Mittel zur Bildung.
Andernorts würde man so etwas Inzucht nennen.
Die theoretischen Grundlagen der nach wie vor bestimmenden akademischen Musikphilosophie sind in Tat und Wahrheit aber weder innovativ noch ein Mittel zur Bildung, sie sind vielmehr stark angestaubt. Die Überzeugung des Lachenmann-Hörers, zu den Vordenkern der Moderne zu gehören, ist mittlerweile geradezu ein Kennzeichen des Alterns der Neuen Musik. Aber auch in Feuilletons, Programmheften und Werkeinführungen zum Klassik-Kanon für den musikalischen Plebs herrscht gähnende Langeweile. Im besten Fall werden zur Erläuterung eines Werkes x-fach wiedergekäute biografische und historische Details wieder und wieder bemüht. Normalerweise wird aber sogar bloss in die Mottenkiste der scheintoten Adjektive gegriffen, um die «geistige Tiefe» der Musik verbal zu fassen.
Musik ist eine Erkenntnisform. Auf individueller Ebene könnte sie auch den Jungen helfen, die eigene Gefühlswelt zu differenzieren. Sie könnte gerade den Pubertierenden in der schwierigen Suche nach erotischen Ausdruckmitteln auch dabei unterstützen, die eigene Gefühlswelt zu sortieren. Dies ist aber bloss ein Nebenkriegsschauplatz. Weitaus wichtiger ist, dass kaum eine intellektuelle Beschäftigung so von einer «Erotik der Erkenntnis» geprägt ist, wie die Musik – wenn man sie denn als Mittel zur Beförderung des Wissens über Innenleben und Aussenwelt versteht. Die vorherrrschende Rezeption der Kunstmusik stellt aber kaum mehr Fragen. Sie gibt bloss noch Antworten. Immer wieder dieselben. Und immer mit der gleichen belegten Stimme. Kein Wunder, wenden sich da die Jungen, die die intellektuelle Herausforderung suchen, mit Grausen ab. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
