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28.09.2006 — Kirsten Harms, die Intendantin der Deutschen Oper in Berlin, verzichtet wegen einer vagen Bedrohungssituation auf die Wiederaufnahme der Inszenierung einer Mozart-Oper. Eine anonyme Anruferin äusserte Bedenken gegen eine für Islamisten möglicherweise provokative Szene. Mit ihrem Entscheid löst Harms eine Kette an falschen Reaktionen aus. Hans Neuenfels, der Regisseur der Inszenierung, sowie zahlreiche Politiker, inklusive die Bundeskanzlerin prügeln medienwirksam auf Harms ein, und die Presse vergleicht den Vorfall mit dem Karikaturen-Streit. Am zynischsten verhalten sich diejenigen, welche den Vorfall zum Anlass nehmen, sich zugleich als Kulturpopulisten und Verteidiger der freien Welt aufzuspielen, indem sie erklären, die Neuenfels-Inszenierung sei zwar Schrott, müsse aber jetzt erst recht gezeigt werden.
Harms für ihren Entscheid zu verurteilen, ist auf eine peinliche Art billig und auch historisch nicht gerechtfertigt: Als Friedrich Schirmer 1983 in einer ähnlichen Situation am Freiburger Theater eine Aufführung von Voltaires «Mahomet» abbrechen liess und das Publikum nach Hause schickte, erhielt er Applaus. Der Präzedenzfall spricht also für Harms.
Eine Opernintendantin ist keine Terrorspezialistin und sollte nicht ausbaden müssen, dass der Staat nicht in der Lage ist, ihr ein professionelles Krisenmanagement zu bieten. Die Bedrohung ist nur allzu konkret, und es ist für Kulturschaffende in der heutigen Welt unzumutbar, solche Entscheide und ihre mögliche Tragweite einsam beurteilen zu müssen. Sie nur schon im Glauben zu lassen, dass sie solche weitreichende Entscheide selber zu treffen haben, ist feige.
Politiker – inklusive die Bundeskanzlerin – hätten sich viel Repekt verschaffen können, wenn sie hingestanden wären und gesagt hätten: «Es tut uns leid, dass wir Frau Harms mit dem Entscheid alleine liessen. Sie hat als Verantwortliche, die das Wohl ihrer Belegschaft und ihres Publikums im Auge behalten muss, das einzig Richtige getan. Dennoch muss die Inszenierung jetzt erst recht gezeigt werden, und wir werden von Staats wegen dafür sorgen, dass dabei die Sicherheit aller Betroffenen gewährleistet bleibt.»
Das Problem des islamistisch motivierten Terrors ist eine der grossen Herausforderungen der kommenden Zeit. Politisch-mediale Aufgeregtheit und Rückenschüsse sind die dümmlichste Art, darauf zu reagieren. Die Frage, wie auf solche Bedrohungen – gerade auch in vagen Formen – reagiert werden soll, wird sich in naher Zukunft vielen Verantwortlichen von Kulturveranstaltungen stellen, die für die freie Rede und das Recht auf Kritik und Satire auch gegenüber dem fundamentalistischen Islam eintreten. Erhalten sie den Eindruck, dass sie von Behörden, Medien und Politikern im Ernstfall allein gelassen werden, dann werden sie sich mehrmals überlegen, ob sie das Risiko wirklich eingehen sollen, das aufgeklärte Denken – sowohl im Christentum als auch im Islam – zu verteidigen. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
