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«Borat» und der globalisierte Humor

Von Wolfgang Böhler

 

02.11.2006 — Der Film «Borat» des britischen Komikers Sacha Baron Cohen, der zur Zeit in unseren Kinos anläuft, muss uns automatisch zu Globalisierungsgegnern machen – zumindest was den Humor angeht. Der wird nämlich, einmal portiert, automatisch zur Quelle von Missverständnissen. Das führt dazu, dass fern der Heimat einer lustigen Geschichte an der falschen Stelle gelacht wird – oder an der richtigen, weil es alle andern auch tun, und obwohl eigentlich niemand weiss weshalb. Vermutlich hat einer einmal einen, der die Pointe hat verstehen müssen, dort lachen hören und lacht nun einfach an derselben Stelle, um nicht in den Ruf zu kommen, schwer von Begriff zu sein. Und alle tun es ihm nach, um ebenfalls nicht in den fatalen Verdacht zu geraten, keinen Spass zu verstehen. Denn als humorlos könnte man ja gelten, aber nie und nimmer als schwer von Begriff.

Solche Nachahmerlacher wissen, dass sie nie als solche entlarvt werden können, weil man dazu von ihnen verlangen müsste, die Pointe zu erklären, was sie nicht könnten, da sie diese ja eben eigentlich gar nicht begriffen haben, aber auch nicht müssten, weil sie bloss darauf hinweisen könnten, dass das Erklären einer Pointe etwa so peinlich ist, wie an der falschen Stelle lachen – zumindest als einziger.

Was Menschen lustig finden, hängt ganz entscheidend von den Tabus, Problemzonen und täglichen Verrichtungen ab, die lokale Kultur- oder Berufsgemeinschaften kennzeichnen. Wo’s ökonomisch oder politisch kriselt, herrscht in der Regel Galgenhumor vor. Etwa im ehemaligen Jugoslawien («Unsere Vergangenheit war eine Katastrophe, die Gegenwart ist nicht auszuhalten – zum Glück haben wir keine Zukunft.») In Berufsgemeinschaften wiederum kursieren in der Regel Witze, die andere entweder nicht verstehen oder nicht lustig finden können («Was ist ein Häufungspunkt von Polen? – Warschau.» Wenn Sie nun gelacht haben, sind Sie beruflich höchstwahrscheinlich mit höherer Mathematik in Berührung).

Cohen gibt sich in dem Film als kasachischer Journalist, der in die USA reist, um «Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation Kasachstan zum machen». Von seinem angeblichen Heimatland behauptet er, in ihm sei Prostitution Volkssport, alle tränken Pferdepisse und das Land habe drei Probleme: wirtschaftliche, soziale und die Juden. Solche zotige, unappetitliche und politisch höchst unkorrekte Verulkungen sind nur für diejenigen lustig, die so verkorkst sind wie die Engländer und sich mit Schenkelklopfen und Gebrüll in Gruppen Luft machen können, wenn ein (echter) Waffenhändler bei der Frage Borats, mit welchem Gewehr man am besten Juden erschiesst, nicht mit der Wimper zucken.

Wir Deutschsprachige sind zwar auch verkorkst, aber auf eine andere Weise, was wir eben verraten, wenn wir mitlachen, denn unsere Art von Verkorkstsein umfasst vor allem, uns andienen zu wollen, nötigenfalls auch im vorauseilenden Humorgehorsam. Dass wir die typisch britischen Tabuverletzungen nicht lustig finden, es aber nicht zugeben dürfen, weil wir ja alle in ihrer Eigenart respektieren wollen, ist allerdings ein eigenartiger Widerspruch, da wir ja dann darüber lachen, dass die verulkt werden, deren Menschenwürde wir ja eigentlich hochhalten möchten.

Im Grunde genommen beweist «Borat» also, dass die Globalisierung des Humors mit den Mitteln des satirischen Zweihänders britischen Zuschnitts gescheitert ist. Wer dennoch an sie glaubt und wider besseres Wissen die eigenen Schenkel traktiert, handelt sich bloss blaue Flecken ein, derer er möglicherweise erst gewahr wird, wenn er zu Hause im stillen Kämmerlein vor sich selber die Hose runterlässt. Dann wird er merken, dass der Humor des echten Briten und falschen Kasachen irgendwie einen seltsamen Geruch hinterlassen hat. Halt nach, ja nach was? Irgendwie halt nach Pferdepisse, und da wird dem einen oder andern halt irgendwie übel. Und das ist an und für sich nicht lustig. Für Nicht-Briten. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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