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25.11.2006 — In einem Grundsatzartikel hat sich Jean-Frédéric Jauslin, der Direktor des Bundesamtes für Kultur (BAK), über die Zusammenarbeit von Kultur und Ökonomie Gedanken gemacht (der Text lässt sich hier von der Webseite des Bundesamtes herunterladen). Das Kulturschaffen in unserem Land habe sich vermehrt um sein Publikum zu kümmern, meint der Bundesamts-Vorsteher. Es müsse sich deshalb «der Tatsache bewusst sein, dass jedes Werk früher oder später einem hart umkämpften Markt ausgesetzt ist.»
Das ist zum Teil richtig, zum Teil falsch, oder – wir wollen unseren Kulturfunktionären ja nicht auf die Füsse treten – es zeigt bloss eine Seite der Medaille. Nach den Vorstellungen des BAK-Chefs wird Kunst offenbar ausschliesslich zur Erbauung, Bildung und Unterhaltung eines Publikums geschaffen (das steht auch in dem Artikel: Irgendwann werde jedes Werk unweigerlich zur Ware, auch wenn etwas weiter unten in vollem Widerspruch dazu behauptet wird, dass Kultur keine Ware sei). Die in Jauslins Text implizit ebenfalls geäusserte Behauptung, Kunst interessiere, wenn sie «neue, überraschende Blicke auf die Gesellschaft» wirft, zeigt überdies die Befangenheit des Autors in einer (modischen) postmarxistischen Kunstphilosophie. Eine solche ist erst bereit, über Kunst zu sprechen, wenn ihre gesellschaftlichen Dimensionen zur Sprache gebracht werden. Sie verarmt damit den Diskurs.
Beide Behauptungen Jauslins stimmen weder systematisch noch historisch. Kunst, die zur Erbauung, Bildung und Unterhaltung eines Publikums geschaffen wird, ist bloss ein Teil des künstlerischen Schaffens – zugegebenermassen nicht der schlechteste, aber dennoch nicht das Ganze. Und die widerständige Beschäftigung mit der Gesellschaft und ihren Mechanismen ist bloss eine Dimension des kreativen Gestaltens. Daneben wird eine Fülle an Kunst geschaffen, mit der keineswegs ein Publikum oder gesellschaftliche Relevanz erreicht, sondern mit experimentellen Mitteln ein zunächst einmal ökonomisch interesseloser Erkenntnisprozess in Gang gesetzt werden soll – genau gleich wie bei der Jagd nach dem Higgs-Boson im milliardenschweren Teilchenbeschleuniger des Genfer Cern.
Das ist nun nicht metaphorisch gemeint, sondern durchaus wörtlich zu nehmen. Ein Kunstwerk kann auf der gleichen Ebene und mit dem gleichen Erkenntnispotential als Experiment bezeichnet werden wie eine naturwissenschaftliche Anordnung in einem Labor der Grundlagenforschung. Dabei ist völlig unerheblich, ob ein Publikum mit einem solchen Werk etwas anfangen kann. Es gibt in der Kunstgeschichte denn auch eine Fülle an Schlüsselwerken, die für den Fortschritt von Kunst und als Auslöser von Erkenntnissen über Kognition und Weltanschauung eine entscheidende Rolle gespielt haben, ohne dass sie von Betrachtern, Lesern oder Hörern ausserhalb einer Spezialistengemeinde je zur Kenntnis genommen worden wären.
Kunst, welche die Funktion einer handelbaren Ware hat, zwingt Kulturschaffende nicht zu ökonomischem Denken, weil ein solches wesenhaft zur Auseinandersetzung mit Kunst gehören würde. Sie tut es schlicht und einfach, weil für die Luxusgüter-, Unterhaltungs- und Erbauungsindustrie viel zu viel Kunstware produziert wird. Wer den Drang zur kreativen Selbstverwirklichung verspürt, muss sich heute auf einem harten Käufermarkt bewegen. Ob man diese Marktüberhitzung staalicherseits auch noch fördern soll, darf man sich ruhig fragen.
Interessant ist, dass die autonome, nicht merkantile Kunst letztlich von weit tiefergreifendem ökonomischem Interesse und für die Wirtschaft eigentlich viel attraktiver ist als die kulturelle Frischluftzufuhr für die Warenwirtschaft. Kunst, die Grundsätzliches zu sagen hat und unsere Wahrnehmung und Handlungen verändert, kümmert sich nicht darum, ob sie beim Publikum landet oder nicht. Sie ist dennoch von höchstem ökonomischem Interesse, weil sie direkt und indirekt Anregungen zur Entwicklung einer Fülle innovativer Produkte und Dienstleistungen gibt. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
