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30.03.2007 — Der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV) wehrt sich mit allen zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln gegen die Abschaffung der Buchpreisbindung in der Schweiz, die er als wichtige, ja existentielle Stütze für eine Vielfalt des Schweizer Buchmarktes betrachtet. Mittlerweile hat aber selbst das Bundesgericht gegen die Bindung entschieden. Der vom SBVV allsogleich erhobenen Forderung an den Bundesrat um eine Ausnahmebewilligung zum Kartellgesetz mag deshalb schon etwas der Geruch von Zwängerei anhaften. Der juristische Feldzug ist allerdings das gute Recht des SBVV, das man ihm nicht absprechen will. Dennoch mutet er ein wenig wie Don Quixotes Kampf gegen Windmühlen an. Gefochten wird nämlich an der falschen Front: Das Problem, um das es eigentlich geht, diagnostiziert der SBVV zwar richtig, dass die Buchpreisbindung ein wirksames Mittel dagegen ist, muss jedoch als Fehlschluss bezeichnet werden.
Kern des Anliegens ist letztlich die Wahrung eines lebendigen und vielfältigen, in einem ganz weiten Sinn als intellektuell zu bezeichnenden Lebens, das für unser Land auch staatspolitisch bedeutend ist. Dagegen, dass es – was den schriftlichen Output angeht – zu vermarmen droht, sprechen nebenbei gesagt die Zahlen: 2006 wurden von Schweizer Verlegern 17 Prozent mehr neue Titel auf den Markt geworfen als 2005, und in der Deutschschweiz findet sich pro 12’000 bis 13’000 Einwohner eine Buchhandlung, in der französischen Schweiz pro 10’000 Einwohner ein solche (in Deutschland müssen sich durchschnittlich 20’000 Einwohner einen Buchladen teilen, in Frankreich stehen sich 25’000 Leser in einer solchen auf den Füssen herum).
Viele der Schweizer Quartier- und Dorf-Buchläden sind klein und weisen eine familiäre Atmosphäre auf. Die Konsumenten zieht es dennoch mehr und mehr in die opulenten Buch-Erlebniszentren wie sie von Grossen der Branche eingerichtet worden sind. Und der entscheidende Grund dafür scheint nicht primär die grosse Auswahl zu sein, denn bei einem Bestand von mehreren Millionen lieferbarer Titel ist die Chance auch bei Buch-Grossmärkten sehr, sehr gering, Veröffentlichungen etwas abseits der aktuellen Renner vor Ort aufgelegt zu finden. Bestellt werden muss so oder so. Der entscheidende Attraktor ist vielmehr die Verbindung aus Shopping-Erlebnis, Ideologiefreiheit und Anonymität, welche die grossen Buchlandschaften bieten.
In andern, früher dezidiert alternativ oder ideologisch geprägten Branchen – allen voran der Lebensmittel- und Kleiderbranche – sind die echten Bedürfnisse der Konsumenten erkannt worden, und Unternehmen wie Body Shop oder Starbucks mausern sich zu bedeutenden, wirtschaftlich sehr erfolgreichen Mitspielern im Markt. Sie vermögen mit einer offenen Atmosphäre und hoch professionellem Marketing alle Bevölkerungskreise anzusprechen.
Dieser Paradigmenwandel steht der Buchbranche noch bevor. Die Schweizer Quartier- und Dorfbuchläden alleine sind dazu aber vermutlich tatsächlich zu klein. Eine Chance, die Vielfalt zu wahren, haben sie wahrscheinlich bloss, wenn sie sich von der liebgewonnenen Doktrin lösen, Kultur sei eine Gegenwelt zu Massengeschmack und wirtschaftlichem Denken und Lesen eine individualistische Abkehr vom Kollektiv.
Auch in Sachen Lesen, Musikmachen und kreativem Gestalten muss der Wille zum wirtschaftlichen Erfolg und der Professionalisierung des Marketings Fuss fassen. Quartier- und Dorflädeli müssen sich dabei vermutlich zu Angebotszentren zusammenschliessen: Wenn der Instrumenten- und Notenladen, der CD-Shop, der Buchhändler, die Videothek und der Gameshop (ja, die auch), das Internet-Café und das Kleinkino gemeinsam eine grosszügige Erlebniswelt kreieren, dann werden sie gegenüber den Branchenführern konkurrenzfähig. Angst davor braucht niemand zu haben, denn Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
