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27.04.2007 — Die teils rüde Sprache amerikanischer Rapper und ihr Lebensgefühl wecken dies- und jenseits des Grossen Teichs unterschiedliche Widerstände: In den USA entfachen die nicht selten brillanten Wortjongleure Debatten rund um den «Freedom of Speech» (in den USA ging es schon in der Porno-Debatte mehr um politische Freiheiten als um moralische Werte – man erinnere sich an Milos Formans Film über den «Hustler»-Verleger Larry Flint). In Sachen Jugendschutz oder «Political Correctness» führt hingegen häufig prüde Doppelmoral das Zepter. In den USA muss in die Debatte aber auch eingerechnet werden, dass Gangsta-Rap & Co in den Elendsvierteln von Mega-Metropolen einem Lebensgefühl authentischen Ausdruck verleihen. Eines Lebensgefühls authentischer Ausdruck sollte aber nie per Dekret zum Verstummen gebracht werden. Zum einen würde das zynisch wirken, zum andern kreativer Kraft den Stecker ziehen. Kuschel-Kunst und Goodwill-Glamour kann nicht das höchste der ästhetischen Gefühle sein.
Wenn sich nun namhafte Produzenten von Rap in den USA für gewisse Selbstbeschränkungen aussprechen ( siehe Codex-flores-Nachricht), kann dies allerdings bloss als Versuch gewertet werden, geschäftsschädigenden Gedankenlosigkeiten gegenüber den Rechten der Frauen und dem Kampf gegen Rassendiskriminierung die Spitze zu brechen – um mit dem Feuer der Underdogs weiterhin Kohle zu machen.
Kaum eine Rolle spielt in der amerikanischen Kultur ein Aspekt, dem aus europäischer Warte hohe Bedeutung zukommt: Die zentrale Botschaft der Rapper, nämlich dass grandios übersteigerte Egos cool sind, wird in den hemdsärmeligen USA schulterzuckend zur Kenntnis genommen, in der Alten Welt hingegen (zu recht) nicht goutiert. Texte, in denen halbseidene Sprücheklopferei zur politischen Anklage wird, riechen hier eher nach grossmäuligem Mitläufertum und Nachahmerei, als wie ein echter Aufschrei.
Eine Folge wirtschaftlicher Perspektivelosigkeit und sozialer Verwahrlosung ist – vor allem bei jungen Männern – ein grandioses Ich-Gefühl, verbunden mit mikroskopisch kleiner Frustrationstoleranz. Rap-Lyrik amerikanischen Zuschnitts adelt eine solche Attitüde. Dies ist das eigentliche Problem dieser importierten Form der Jugendkultur. Dagegen gilt es klar Stellung zu beziehen. Aber im Grunde genommen machen das die europäischen Rapper bereits selber – indem sie die sexistischen, rassistischen und gewaltgeschwängerten Drohgesten der amerikanischen Vorbilder literarisch brechen. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
