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Kalte Dusche in St. Gallen für Pipilotti Rist

Von Wolfgang Böhler

 

08.06.2007 — Der St. Galler Kantonsrat hat entschieden, einen geplanten Beitrag von 300’000 Franken aus dem Lotteriefonds an einen Film von Pipilotti Rist zu streichen. Es handelt sich um den ersten abendfüllenden Streifen der Videokünstlerin, der im Namen «Pepperminta» an ihr Projekt an der Biennale di Venezia 2005 in der barocken Kirche San Stae am Canale Grande anknüpft. Als Begründung für den Streichungsantrag hat die SVP-Fraktion angegeben, Pipilotti Rist sei bereits weltberühmt und habe das Geld deshalb nicht nötig. Es gelte vielmehr, junge Kunstschaffende zu fördern, die es noch nötig hätten. Pipilotti Rist hat postwendend erklärt, sie überlege sich angesichts der kalten Dusche, den Kulturpreis abzulehnen, den ihr die St. Gallische Kulturstiftung verleihen will.

Der St. Galler Kantonsrat hat den Antrag mit einem Stimmenverhältnis von 80 zu 68 Stimmen angenommen. Selbstverständlich darf er das – auch wenn er dabei riskiert, eher kleinlich zu wirken. Und Frau Rist darf selbstverständlich schmollen – auch wenn sie dabei den Eindruck erweckt, über wenig politisches Differenzierungsvermögen zu verfügen. Man kann die ganze Geschichte sogar als typisch für die Schweizer Mentalität sehen, mit der beileibe nicht nur die Kultur kämpft: Wer den Kopf allzu hoch hinausstreckt, wird eher argwöhnisch betrachtet, dafür ist der Wille da, sich mit den Kleinen (in diesem Falle den jungen, noch unbekannten Pipilottis in St. Gallen) zu solidarisieren.

Interessant wäre nun natürlich, zu kontrollieren, ob der Kanton St. Gallen – tatkräftig angeführt von der SVP – wirklich 300’000 Franken mehr in die Förderung junger, frecher und aufstrebender Kunstschaffender aus dem Kanton buttert. Wir berufen uns da aber auf eine weitere echt schweizerische Tugend: Mir wei nid grüble…

Allerdings: Der eigentliche Denkfehler in dem Entscheid ist bisher noch keinem Kommentator aufgefallen, was zeigt, wie verinnerlicht gewisse romantische Bilder über die Schaffung von Kunst nach wie vor sind.

Man stelle sich einmal vor, ein weltweit renommierter Wissenschaftler der Hochschule St. Gallen würde Gelder beantragen, um ein Projekt zur Erforschung der Entwicklung der Kaufkraft in der Schweiz zu realisieren. Würde da jemand einwenden: Der hat doch genug Geld, der kann das doch selber bezahlen! Oder ein hochdekorierter Futtermittelfabrikant gehe eine kantonale Innovationsstiftung um Beiträge zur Entwicklung eines neuartigen Kraftfutters für Freilandhühner an. Würde da jemand allen Ernstes erklären, der solle doch in die eigene Tasche greifen und der Staat habe sich da herauszuhalten?

Von Kunstschaffenden kann so etwas aber offenbar ungestraft erwartet werden, denn Kunst – so glaubt man – dient der privaten Erbauung und dem Bedürfnis nach etwas Schönem und etwas Luxus im ansonsten ach so harten Leben.

Dass Frau Rist weltberühmt ist, muss aber auch irgendetwas mit Qualität und der Bedeutung ihrer Arbeit zu tun haben (ob man persönlich nun etwas damit anfangen kann oder nicht). Und es ist einfach ein Gebot der Vernunft, in bedeutungsvolle Arbeiten wesentlich mehr zu investieren – um eine Investition handelt es sich nämlich – als in die breite Masse der Vielversprechenden.

In der Wirtschaft ist dies selbstverständlich und in der Wissenschaft ebenso. In der Kunst sollte es genauso sein, denn Kunst ist genauso ein Mittel, unsere Erkenntnis über die Welt zu befördern und unsere Lebensbedingungen zu verbessern, wie erstere. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern (weshalb auch das Dialektzitat in diesem Text nicht in St.Galler- sondern Berndeutsch erscheint) Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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