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18.01.2008 — Kultur ist integraler Teil des kommunalen Lebens. Diese Einsicht scheint sich mehr und mehr durchzusetzen, und so werden denn auch allerorten Kulturkonzepte eingeführt oder überarbeitet. Löblicherweise geschieht das in den meisten Fällen unter Mitwirkung der Bevölkerung (so sie sich denn dazu motivieren lässt). Beispiele gefällig? In Bülach sind am kommenden 24. Januar die Bürger eingeladen, über die Grundsätze eines geplanten Kulturkonzeptes der Stadt zu diskutieren. Kulturelles Schaffen trage zur Identität eines Gemeinwesens bei, versichern die Stadtoberen, und ein Begegnungszentrum steht auf der Wunschliste. Der Gemeinderat der Berner Vorortsgemeinde Köniz hat soeben ein Konzept vorgelegt, wie er «die Kultur im Spannungsfeld zwischen Stadt und Land in den kommenden vier Jahren» fördern will. Die vier Jahre, die ja auch im geplanten nationalen Kulturförderungsgesetz eine bedeutende Rolle spielen, scheinen zu einer Art eigener Masseinheit der Kulturzyklen zu werden.
Im Kanton Thurgau hat die Stiftung Think Tank Thurgau die Diskussion um ein Kulturkonzept angestossen, und der Chef des kantonalen Kulturamtes hat eine Untersuchung der Zürcher Hochschule Winterthur zur Organisation der Förderung im Kanton als «oberflächliche Analyse zurückgewiesen». Aber auch in St. Gallen tut sich einiges. Ein Kulturkonzept 2009-2012 (vier Jahre!) soll «eine Grundlage für die kulturpolitischen Entscheide der nächsten Legislaturperiode bieten».
Die St. Galler Regsamkeit hat eine Vorgeschichte. Sie geht letztlich auf ein Postulat der Parlamentarier Peter Dörflinger, Patrizia Adam-Allensbach und Heidi Gerster Wolf (als Erstunterzeichner) zurück. Die drei haben im Februar 2007 festgestellt, dass der Kanton sich tendenziell aus der breiten Förderung» zurückzieht und auch die Gemeinden kulturelle Anliegen aus finanziellen Gründen immer wieder zurückstellen.
Auch die Stadt Baden werkelt an einem «Kulturkonzept 2010», das unter anderem «die Beziehungen zwischen der Wirtschaft und der Kultur» analysieren und mögliche Strategien aufzeigen soll, «wie diese im Interesse beider Seiten verstärkt werden könnten.» Und sogar der Kanton Ausserrhoden hat seit neuestem eines − ein Kulturkonzept.
Kulturkonzepte können auch einem Streit entspringen. Dies war etwa in Wettingen der Fall, wo ein geplantes Projekt «Kunstraum Wettingen» neben Befürwortern auch vehemente Gegner auf den Plan rief. Eine Entscheidung für oder gegen das Projekt wäre eine punktuelle, vielleicht sogar zufällige Entscheidung geblieben, und so schuf ein Kulturkonzept die Grundlage für eine ganzheitliche Sicht auf die unterschiedlichen kulturellen Interessen.
Was regeln solche Kulturkonzepte? Zum einen bilden sie die Grundlagen, um Verwaltung und Pflege von Museen, Denkmälern und anderen Kulturgütern zu sichern − sie haben damit also eine eher bürokratische Aufgabe. Im einen oder andern Konzept finden sich aber auch Perlen: So etwa im ausserrhodischen: Der Leitsatz 6 lautet da etwa: «Die Kulturförderung soll Freiräume schaffen und ermöglichen.»
Dein Wort in Gottes Ohr, hätte man in weniger säkularisierten Zeiten gesagt (und sagt man im Appenzell vielleicht noch immer). Die meisten Zeichen deuten zur Zeit in eine andere Richtung, auf eine Kultur die zunehmend zum glamourösen Ornament von Wirtschaft und Standortmarketing wird. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
