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Weshalb die Kulturindustrie keine Lobby hat

Von Wolfgang Böhler

 

29.02.2008 — Aktuelle ökonomische Studien verschärfen den Eindruck, dass sich die volkswirtschaftliche Bedeutung der Kulturindustrie in keiner Art in ihrem politischen Gewicht spiegelt: Eine − möglicherweise die − strategisch entscheidende Branche für die wirtschaftliche Zukunft Europas wird von Gesetzgeber und Innovationsinitiativen praktisch ignoriert. Ein etwas genauerer Blick auf die Beschaffenheit des Sektors erklärt, weshalb dies so ist.

Warner wie der Wirtschaftsprofessor Max Otte lassen kaum Illusionen darüber, welche Industriezweige in Europa in Zukunft eine Rolle spielen werden: «Europa hat keine Computerindustrie, keine nennenswerte Unterhaltungselektronik, kaum noch Textil- und Spielzeugproduzenten, und in vielen andern Bereichen fällt es immer weiter zurück. Ihren Bedarf an Autos, Stahl und diversen weiteren Produkten decken Länder wie China und Indien zunehmend selber ab.» (Otte: Der Crash kommt, Berlin 2006). Die Kreativindustrie ist laut Erhebungen von Eurostat vom Oktober vergangenen Jahres mit 6,4 Millionen Beschäftigten in Europa mittlerweile weitaus grösser als die Autobranche (2,2 Millionen Beschäftigte) oder die Chemie (1,9 Millionen). Das Ansehen des Alten Kontinentes in der Welt hat auf den meisten Gebieten arg gelitten: Seine Führungsrolle hat er nicht nur als Werkplatz, sondern auch in Sachen Ingenieurskunst und Forschung bereits verloren. Nicht so den als respektierte und vitale Hochkultur.

Weshalb wird die Kulturindustrie trotz dieser Tatsachen politisch sträflich vernachlässigt? Zu tun hat dies vor allem mit ihrer inneren Beschaffenheit. Sie wird nämlich von Klein- und Kleinstunternehmen beherrscht. Während in der Chemie oder der Autobranche ein Unternehmen durchschnittlich 128 Angestellte aufweist, sind es im Kulturbereich gerade mal 5. Viele sind Einpersonen-Firmen, deren finanzielle Mittel trotz hohem Potential sehr beschränkt sind. Der Kulturstatistiker Michael Söndermann (siehe www.kulturwirtschaft.ch) rechnet in einem Grundsatzartikel denn auch vor, dass in Deutschland bereits 20’000 Stellen neu geschaffen werden könnten, wenn nur 10 Prozent dieser Mikrounternehmen in der Lage wären, einen Mitarbeiter mehr anzustellen.

Nun muss man sich bewusst sein, dass die Agenda der Politik nicht einfach so vom Himmel fällt. Sie wird von Interessengruppen gemacht, und zwar von denen, die über genügend finanzielle und personelle Ressourcen verfügen, um professionelle Lobbyisten zu alimentieren oder Exponenten aus ihren eigenen Reihen in die Politik zu entsenden. Derartige Möglichkeiten haben fast nur Grossunternehmen, wie sie tradtionelle Industriezweige charakterisieren und in der Kulturindustrie halt eben fehlen. Die mächtigsten Interessengruppen ausserhalb dieser Lobbys sind die Gewerkschaften. Die Kulturindustrie ist aber selbst gewerkschaftlich bloss sehr dürftig aufgestellt: Die bescheidenen Ansätze zu einer linken Kulturgewerkschaftsarbeit haben ein wirtschafts- und politikkritisches oder gar -verweigerndes Credo, bürgerliche Kulturarbeiter sind vorwiegend in politisch zahnlosen Berufsverbänden organisiert.

Die Politik hat sich deshalb bislang aus der Verantwortung für eine solide ökonomische Entwicklung der Kulturindustrie stehlen können. Es ist allerdings möglich, dass die dabei verfolgte Strategie zum Eigentor wird: Sie entzieht den Kulturschaffenden zunehmend die öffentlichen Subventionen und macht Druck auf Produzenten und Veranstalter, ihr Marketing zu professionalisieren. Die dazu geschaffenen Ausbildungsgänge im Kulturmanagement dürften in der Branche aber mehr und mehr politische und wirtschaftliche Kompetenz aufbauen. Immer mehr Betroffene werden also entdecken, dass die Geringschätzung ihrer Arbeit in einem eklatanten Widerspruch zu ihrer faktischen nationalökonomischen Bedeutung steht. Sie dürften sich dann zu wehren beginnen und Politik, Verbände und Lobbyisten in die Pflicht nehmen, die sie allzulange vernachlässigt haben.

Zumindest hoffen kann man das ja. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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