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04.07.2008 — Regelmässige Leser werden es schon festgestellt haben: Wir haben’s nicht so mit dem Erhabenen. Erlesener Musikgeschmack als Zeichen kultivierter Attitüde ist uns vedächtig. Er fördert die Lebendigkeit der Musikszene nicht. Im Gegenteil, mit der Zeit würgt er sie ab. Die europäische Kunstmusik ist im Grunde genommen genauso wenig wie der amerikanische Jazz geeignet, als Symbol gehobener Lebensart zu dienen, droht aber leider darin zu erstarren. Die Kunstmusikformen dies- und jenseits des grossen Teichs sind geschaffen worden, um Grenzen zu sprengen; Ausdrucksgrenzen, soziale Grenzen, intellektuelle Grenzen, physikalische Grenzen… Dabei hat es immer wieder verstörende Einbrüche gegeben, Zwölftonmusik, Bebop, elektroakustische Musik, Freejazz… Und es hat heftige Debatten um Sinn und Unsinn neuer Töne gegeben, radikale Ablehnung, enthusiastische Gefolgschaft… So etwas hält eine Kunstform lebendig.
Für was aber stehen klassische Musik und Jazz heute? Im besten Fall für erlesenen Geschmack und Kultiviertheit. Im weniger guten als Symbol für alles, womit der Nachwuchs garantiert nie etwas zu tun haben will. Deshalb haben wir’s nicht so mit dem Erhabenen. Und wegen des unvermeidlich an seiner Seite wandelnden Geistesbruder, der Humorlosigkeit. Wer sich gedanklich herausgefordert fühlt, eine Debatte führen will, der sucht automatisch nach Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit wird in aller Regel mit Witz, Schlagfertigkeit, Ironie und all den andern Formen aus der rhetorischen Kampfschatulle errungen. Wenn diese durch Worthülsen, Chronistenjargon und Gesellschaftsklatsch ersetzt werden, dann wird Kunst zur bombastischen Leerformel.
Leben in die musikalische Bude kommt, wenn Auseinandersetzungen geführt und Meinungen vertreten werden. Es müssen ja nicht gleich Aufforderungen zum Duell sein, wie sie Strawinskys «Sacre du printemps» angeblich noch provozierte. Und auch nicht die autoritären Elitediskurse des Avantgarde-Zirkus der sechziger Jahre. Auch das zeitgenössische Musikschaffen kann die aktuellen sozialen, politischen und wissenschaftlichen Fragen aufgreifen − und dies beileibe nicht nur als Wir-tun-so-als-ob des zeitgenössischen Musiktheaters für die Kulturschickeria.
Einen wesentlichen Beitrag dazu, Kunstmusik mehr als lebendige Auseinandersetzung und weniger als steriles Luxusgut zu sehen, dürften künftige Sponsoring-Strategien leisten. Kunstmusik sollte für Werte wie intellektuelle Offenheit, Risikobereitschaft und Innovationskraft stehen und diejenigen Sponsorengruppen anziehen, die solche verkörpert haben möchten. Die Finanzinstitute − die heutige Hauptgruppe der Geldgeber − betonen in vielem ja eher das Gegenteil: Sicherheit, Planbarkeit und Risikophobie. Als Festival-, Konzert- und Ensemble-Sponsoren sollten also vermehrt die Vertreter der Industrie angesprochen werden. Die Banken scheinen sich ohnehin mehr und mehr aus allem, was nicht gerade die ganz grossen Kisten sind, zurückzuziehen, wie die Beispiele des Verbier Festivals und jüngst der Kyburgiade (siehe Nachricht) zeigen. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
