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01.08.2008 — Journalisten kennen so etwas wie das Paradox der Qualität. Man kann es in eine recht einfache Formel packen: Die Relevanz eines Textes verhält sich reziprok zu seiner Beachtung. Ein über Wochen von einem ganzen Team aufwendig recherchierter Hintergrundbericht, der erstmals tieferliegende Gründe aktueller Wirtschaftsprobleme aufspürt, wird von einigen wenigen Spezialisten zur Kenntnis genommen; ein Papparazzi-Bild einer Schauspielerin, die beim Verlassen eines angesagten In-Lokals erwischt wird, lässt die Zugriffszahlen in die Höhe schnellen. Ein sorgsam durchdachter Leitartikel wird ignoriert, der schnell hingeworfene Klatsch zur angeblichen Liaison eines Politikers lässt die Mailbox überquellen.
Das Paradox der Qualität gilt auch für Kunstmusik. Zeitgenössische, experimentelle Komponisten (und Jazzmusiker), die sich über mangelnde Resonanz beklagen, werden − ohne es sich bewusst zu sein − zu ihrem Opfer, Programmdirektoren wissen darum, wenn sie statt Schönbergs Variationen für Orchester Holsts Planeten ins Programm des Abokonzertes aufnehmen. Das Paradox der Qualität ist auch dafür verantwortlich, dass in Sachen Qualitätsmusik immer wieder eine Krise gefühlt wird, die in Tat und Wahrheit keine ist − im Gegenteil: Diagnostizieren muss man eher schon ein Paradox der Vielfalt: Weil immer mehr kompromisslose und innovative Musik geschrieben wird, findet das einzelne Werk trotz einem wachsenden Publikum eine immer kleinere Fangemeinde. In der Fülle erodiert der Ereignischarakter, die einzelne Uraufführung wird nicht mehr zum gesellschaftlichen Thema.
Das Phänomen des zersplitterten Liebhabermarktes ist auch in der Internetgemeinde ein Thema: Da macht sich zur Zeit die Legende des sogenannten «Long Tail» breit. Sie geht auf ein Buch des amerikanischen Journalisten Chris Anderson aus dem Jahr 2004 zurück («The Long Tail – der lange Schwanz. Nischenprodukte statt Massenmarkt – Das Geschäft der Zukunft», auf Deutsch beim Hanser-Verlag 2007 erschienen). Die These: Wegen der niedrigen Distributions- und Marketingkosten im Web sollen Nischenprodukte − insbesondere Musik − kommerziell interessant werden, deren Verkauf im konventionellen Verkaufsgeschäft ein ungünstiges Kosten/Nutzen-Verhältnis ergeben und deshalb dort kaum abgesetzt werden.
Eine Studie der Marketingspezialistin Anita Elberse von der renommierten Harvard Business School hat den Long Tail nun aber als Mythos entlarvt. Tatsächlich führt das im Vergleich zum Laden um die Ecke viel breitere Angebot von Onlineshops dazu, dass von einem einzelnen Nischenprodukt noch weniger Exemplare abgesetzt werden. Die Zahlen, welche die Marktforscherin Nielsen SoundScan vorlegt, sind beinahe schon schockierend zu nennen: Von den 2007 online (hauptsächlich durch den iTunes-Shop) verkauften digitalen Titel fanden 24 Prozent bloss einmal (!) einen Käufer; 91 Prozent − immerhin 3,6 Millionen verschiedene Titel − wurden weniger als 100 Mal verkauft.
Damit reproduziert das Internet die Vorgänge im Konzertsaal: Ein immer reichhaltigeres Angebot und bessere Rahmenbedingungen führen zu einem Überangebot, welches das Niveau der Produktion tendenziell zwar steigert, aber dafür verantwortlich ist, dass dem einzelnen Werk weniger Beachtung zukommt. Je anspruchsvoller dieses ist, umso mehr verstärkt sich der Effekt. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
