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24.10.2008 — Zürichs Stadtpräsident geht. Natürlich liegt es da auf der Hand, seine Leistungen für das Kulturleben der Stadt zu würdigen und sich zu überlegen, was für einen Nachfolger man sich aus dieser Warte wünschen würde (oder was für eine Nachfolgerin − die freisinnige Stadträtin Kathrin Martelli ist ja bereits in Position). Kulturjournalisten folgen bei solchen Würdigungen in der Regel einer vorhersehbaren Dramaturgie: Hat viel versprochen und etwas weniger gehalten, hat die echte, gute und wahrhaft authentische Kunst gegenüber dem schönen Schein vernachlässigt und überhaupt mehr Cüpli getrunken und sich etwas weniger zum solidarischen Freund der Unglamourösen gemacht − und so weiter und so fort durchs ganze Repertoire des Wir-haben-ihn-ja-schon-immer-duchschaut. Und natürlich findet sich sicher noch irgendwo ein Skandälchen, das man noch einmal aufwärmen kann, nur um nicht in den Verdacht der Gefälligkeitsschreibe zu geraten.
Selbstverständlich schreiben wir das alles nicht.
Okay, das mit dem Skandälchen ist wirklich schwierig zu umschiffen. Schliesslich hat sich Elmar Ledergerber vergangenes Jahr im Umfeld der Streitereien ums Schauspielhaus und beim Abgang von dessen kaufmännischem Direktor Marc Baumann, respektive dessen Entschädigung dem Verdacht der Kumpanei ausgesetzt. In der ganzen Geschichte hat er auch sonst nicht unbedingt eine gute Falle gemacht. Haken wir’s ab. Dass in der Stadt für Kulturschaffende während Ledergerbers Amtszeit ein gutes, verständnisvolles und experimentierfreudiges Klima geherrscht hat, wird dadurch nicht relativiert.
Hatte Ledergerber für die Kultur aber wirklich Gehör? Messen wir’s an den Kriterien, die in der als Finanzplatz bekannten Downtown der Schweiz am ehesten verstanden werden, nämlich an den nackten Zahlen: In Ledergerbers Amtszeit sind die budgetierten Ausgaben für Kultur um 8 Prozent gestiegen (von 108,6 Millionen Franken im 2003 auf 117,3 Millionen Franken im 2007). Tönt gut. Im gleichen Zeitraum hat das Gesamtbudget der Stadt allerdings um rund 12 Prozent zugelegt. Faktisch sind die Kulturausgaben also zurückgegangen. Keiner soll jetzt übrigens bitte glauben, dass das Opernhaus der Stadt da eine Rolle spielt − Ledergerber wird zwar oft mit dem Musentempel in Verbindung gebracht. Die Oper wird allerdings vom Kanton und nicht von der Stadt alimentiert.
Formulieren wir es also vorsichtig: An der bisherigen Budgetentwicklung lässt sich ein akzentuiertes Engagement für die Kultur nicht unbedingt ablesen. Dafür weist der Geschäftsbericht der Präsidialabteilung 2007 nach oben: Da wird vorgeschlagen, dass sich der Netto-Kulturaufwand der Stadt in den kommenden Jahren in einer Bandbreite von 1 bis 1,5 Prozent des städtischen Gesamtaufwands bewegen soll. Dort ist er noch nicht annähernd angelangt. Und in den «Strategien Zürich 2025» steht: Der öffentliche und öffentlich geförderte Kulturbetrieb soll als Impulsgeber für die Kreativwirtschaft verstanden und in Qualität und Vielfalt weiter gefördert werden.
Zürich hat sich unter Ledergerbers Ägide also zumindest verstärkt als kulturelles Zentrum positioniert. Bei der Präsentation des neuen Kulturleitbildes der Stadt hat Ledergerber überdies wichtige Errungenschaften der letzten Jahre herausgestrichen: Die Gründung der Filmstiftung, die Subventionen für das Haus Konstruktiv, den Erweiterungsbau des Museums Riedtberg und das Verständnis für die Breitenkultur.
Sind das mehr als leere Worte? Befragen wir doch noch einmal die Zahlen: Geht man die präsidialen Reden durch, die auf der offiziellen Webseite der Stadt archiviert sind, stellt man fest, dass mehr als 30 Prozent davon an Kulturanlässen gehalten worden sind. Dazu gehören auch die Eröffnung einer Musikreihe des Collegium Novum im Brockenhaus und das Jubiläumsfest des Musikhauses Hug.
Die offensichtliche Lust des scheidenden «Stapis» an der Kultur unterstreicht, dass unter ihm in Zürich in Sachen Kultur ein gutes, anregendes und zukunftsgerichtetes Klima geherrscht hat. Von einem Nachfolger (oder eben einer Nachfolgerin) kann man nur hoffen, dass er (oder eben sie) da ähnlich charismatisch in die multikulturelle Gesellschaft der Stadt hineinwirkt, und dass er (oder sie, wie gesagt) sich die Ziele des Geschäftsberichtes der Präsidialabteilung 2007 echt, gut und wahrhaft authentisch zur Brust nimmt. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
