Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Wie verkauft man bessere Musikbildung?

Von Wolfgang Böhler

 

19.12.2008 — Nun ist die Musikinitiative deponiert (siehe Nachricht), und der Kampf um den Gewinn der Abstimmung kann beginnen. Zu hoffen bleibt dabei, dass er nicht vom üblichen Lamento orchestriert wird, wie stiefmütterlich doch Kultur behandelt wird und wie hart das Leben für Schüler ist, wenn ihnen bloss Mathe und Deutsch eingetrichtert wird. Wenn dem Anliegen zu Erfolg verholfen werden soll, müssen andere Töne angeschlagen werden. Statt Harfe und Flöte sind Hörner und Pauken gefragt. Die Regeln sind dabei nämlich die gleichen wie im Kampf um ein Armeebudget oder die Ausweitung der Personenfreizügigkeit.

Die meisten Politiker sehen sich als «Macher», die Projekte auf die Schiene bringen, welche vor allem drei Anforderungen möglichst gut erfüllen: Hat der einzelne Bürger einen Nutzen davon? Generiert es Steuereinnahmen? Schafft es Arbeitsplätze?

Macher sind aus solidem Holz geschnitzt, und sie sind es gewohnt auszuteilen und einzustecken − und schnell zu denken. Wenn sie die drei Fragen mit Blick auf die Musikbildung spontan beantworten sollen, sagen sie vermutlich: Der einzelne Bürger hat erstens wenig davon, denn die Beschäftigung mit Musik lenkt ihn vom Wesentlichen ab (nämlich Geld zu verdienen und Steuern abzuliefern). Musik bringt zweitens nichts in die Kasse, im Gegenteil sie kostet vor allem viel. Und drittens schafft sie nicht wirklich Arbeitsplätze, sondern Staatstellen, die unter dem Strich die öffentlichen Budgets unproduktiv belasten. Nicht laut sagen, aber denken werden sie überdies, dass ihnen das Eintreten für die Initiative keine Wählerstimmen bringt. Das ist als Negativmotiv auch nicht zu unterschätzen.

Vielleicht wären die deklarierten Antworten der pragmatischen Macher in der Politik etwas (aber nur etwas) parfümierter, als hier skizziert. Sie sind es ja gewohnt, Politik dem Bürger so zu verkaufen, dass er jeweils das richtige Wörtchen auf einen Stimmzettel oder den richtigen Namen auf den Wahlzettel schreibt. Die effektive Haltung zur Musik würde sich ungefiltert aber in solchen Sätzen äussern.

Wenn Kulturanliegen in der Politik Erfolg haben sollen, dann müssen sie immer wieder darauf hinweisen, dass die Macher da in jedem der drei Punkte einem verhängnisvollen Irrtum verfallen. Die Forderungen der Kultur müssen dabei nicht einmal wie so viele andere − man denke etwa an Themen wie Parallelimporte, Personenfreizügigkeit, Panzerkäufe oder freie Arztwahl − so verpackt werden, dass Schwächen in der Argumentation möglichst übertüncht werden. Das politische, wirtschaftliche und soziale Potential des Anliegens der Musikinitiative ist vielmehr so solide, dass es bloss darum geht, ihm mit den Mitteln der politischen Kommunikation zu dem ihm wirklich zustehenden Recht zu verhelfen.

Man kann da von der Partei lernen, die das politische Marketing in der Schweiz neu erfunden hat (und keine Gelegenheit auslässt, Kultur zur reinen Privatsache zu erklären). Ihren Exponenten wird offenbar immer wieder eingebläut, fünfmal am Tag das Partei-Mantra herunterzubeten: EU-Beitritt verhindern, Steuern senken, kriminelle Ausländer ausschaffen. So bringt man Botschaften rüber. Was wollen wir? Keinen EU-Beitritt, Steuern senken, kriminelle Ausländer ausschaffen. Sie können’s ruhig noch einmal hören, falls die Botschaft immer noch nicht angekommen ist. Wir ersparen’s unsern Lesern.

Wie bringt man den Nutzen von Musikbildung auf den Punkt? Man muss ihr eigenes Mantra entwickeln. Musikschulung bringt das Schweizer Schulsystem wieder auf international konkurrenzfähiges Niveau, Kreativ- und Kulturwirtschaft spielen eine Schlüsselrolle in der künftigen Wettbewerbsfähigkeit der europäischen und der schweizerischen Wirtschaft, und ein reiches Kulturangebot kostet nicht, es füllt direkt und über Umwegrentabilität die öffentlichen Kassen. Zu allen Behauptungen gibt’s genug Studien und praktische Erfahrungen, die sie belegen. Und auf Wörter wie «Umwegrentabilität» und «Wettbewerbsfähigkeit» springen Politiker ungleich besser an als auf «seelisches Gleichgewicht» oder «sensiblere Wahrnehmung».

Und wie schafft man Aufmerksamkeit für das Anliegen? Auch da gibt es ein bevorzugtes Rezept. Es wird vor allem von Initianten ohne mächtige Lobby und genug Geld angewendet (man denke etwa an die Bekämpfung der Hanf- oder die Befürworter der Verwahrungs-Initiative). Das Zauberwort heisst «Alarmismus»: Tu so, als ob die Welt stante pede untergeht, wenn nicht sofort etwas geschieht. In deinem Sinne natürlich.

Man male also das Schreckensbild von Heerscharen dank musischer Fähigkeiten höchst kreativer asiatischer, australischer und lateinamerikanischer Forscher und Entwickler an die Wand, die der europäischen Wirtschaft in Sachen Kreativität und Originalität das Wasser abgraben. Man schildere in den düstersten Farben, wie nach Industrie, IT- und Finanzdiensleistungen noch die letzten Überreste der europäischen Wirtschaft, nämlich Wissenschaft, Bildung, Kunst und Design in die Schwellenländer abwandern werden und Westeuropa zum intellektuell ausgetrockneten Armenhaus der Welt verkommt.

Gross übertreiben muss man dabei leider nicht, die Entwicklung hat nämlich schleichend bereits eingesetzt. Übersehen wird sie, weil in den europäischen Parlamenten kaum mehr echte Kulturkompetenz zu finden ist, vor allem im bürgerlichen Lager nicht. Die Ausdünnung der Bildungspläne in den Schulen hat dafür bereits gesorgt. Da dominiert mittlerweile der Tunnelblick auf Finanzdienstleister und überalterte Industrie-Dinosaurier, die trotzdem oder gerade deswegen zur Zeit mehr oder weniger alle kollabieren. (cf)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

Schreibe einen Kommentar