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Kultur und Philosophie am Davoser WEF

Von Wolfgang Böhler

 

30.01.2009 — Am Davoser World Economic Forum treffen sich wieder einmal die Mächtigen der Welt. Heuer reiben sie sich die Augen und fragen sich, wie in der Weltwirtschaft alles kommen konnte, wie es 2008 bekanntlichermassen gekommen ist. Einige der Verantwortlichen − etwa den Chef der Pleite gegangenen Investment-Bank Lehman Brothers oder den abgetretenen UBS-Boss − sieht man in Davos nicht mehr, und auch die grossartigen Auftritte populärer Stars wie Bono, Angelina Jolie oder Sharon Stone ziehen die Blicke nicht mehr auf sich, was ja auch nicht unbedingt ein Verlust ist.

Dafür hatte dieses Jahr Benjamin Zander, der Dirigent des Boston Philharmonic Orchestra, einen bemerkenswerten Auftritt. Unter dem Titel «Managing Complexity: A Different Approach» erteilte er dem WEF-Publikum eine Kammermusik-Lektion. Die Detailarbeit an einem Divertimento des 15-jährigen Mozarts geriet ihm zu einem Motivationsseminar, in dem er dazu aufforderte, Probleme immer mal wieder aus einem überraschenden Blickwinkel zu betrachten und sich statt von starrer Routine von energetisch geladenen Visionen führen zu lassen (seine Präsentation lässt sich hier im Web ansehen).

Unter dem Titel «The Power of Music in Healing Mind and Body» hat das WEF überdies ein Konzert mit Musik von George Gershwin angezeigt. Zanders Auftritt (den wir natürlich nicht vor Ort, sondern bloss in einer Aufzeichnung des Schweizer Fernsehens mitverfolgt haben) war erfreulich − aber leider nur eine Randerscheinung in Davos.

Viele − vor allem Globalisierungsgegner − werfen dem globalen Spitzentreffen von Politikern und Wirtschaftskapitänen ja vor, eine undemokratische Veranstaltung zu sein, bei der in informellen Treffen hinter verschlossenen Türen auf intransparente Weise Machtansprüche und Wirtschaftsinteressen verfolgt werden. Wir gehören nicht zu diesen Kritikern und sind sogar stolz, dass die Schweiz einen derart hochkarätigen Weltanlass beherbergen darf.

Unsere Bedenken sind anderer Art. Sie betreffen das Bild des kulturellen und philosophischen Niveaus, welches das WEF von einem Think Tank der Weltpolitik vermittelt. Es wird nämlich nicht durch Auftritte wie denjenigen Zanders geprägt, sondern durch Repräsentanten wie Paulo Coelho, den brasilianischen Verfasser gehobener Erbauungsliteratur, der in Davos als Dauergast präsent ist. In Sachen Philosophie und Kunst gibt man sich in Davos generell mit eher einfachen Botschaften zufrieden. Medial wird das Bild einer Community vermittelt, die dem unverbindlichen Wohlfühlspiritualismus hablicher Wellness-Kunden frönt.

Das Resultat: Es wird viel von Ethik, Werten und Liebsein-miteinander gesprochen (was sogar unserem früheren Preisüberwacher Rudolf Strahm am Open Forum aufgefallen ist), ohne dass daraus auch konkrete Handlungsanleitungen abgeleitet würden. Wär’s anders, dann wär’s ja auch nicht zur Grossen Krise gekommen.

Wir finden, die globalen Wirtschafts- und Staatsführer hätten in Sachen Kultur- und Religionsdiskussion besseres verdient als mediengewandte Selbstdarsteller der Populärkultur, zu mystischem Bombast neigende Literaten und gelegentliches Schulterklopfen für Persönlichkeiten wie Hans Küng, Yo-Yo Ma, Muhammad Yunus oder José-Antonio Abreu. Und Philosophie und Kultur müssten an einem derartigen Spitzenanlass mit dem gleichen Willen zur intellektuellen Qualität vermittelt werden wie Politik- und Wirtschaftsfragen. Dass sie in der Weltpolitik nicht den ihnen gebührenden Stellenwert haben, ist nämlich auch eine Folge von dem Bild, das von ihnen an solchen Anlässen vermittelt wird.

Aber möglicherweise ist es den WEF-Teilnehmern ja zu anstrengend, sich einer nachhaltigen und intellektuell tragfähigen Diskussion um Werte, geistige Offenheit und Kreativität zu stellen. Es könnte ihnen ja bewusst machen, dass sie in Sachen Kulturkompetenz nach oben durchaus noch Potential hätten. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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