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Sonderfall Schweiz in Sachen Kreativität

Von Wolfgang Böhler

 

13.02.2009 — Dieses Jahr soll ein Verband Kreativwirtschaft Schweiz seine Aktivitäten aufnehmen (Näheres wird sich im Web unter www.kreativwirtschaft.ch finden). Die Initiativen rund um die kreativen Kräfte in der Schweiz konzentrieren sich − nicht überraschend − auf den Grossraum Zürich und dort vor allem auf Architektur, Design und Film. Man wünschte sich eine breitere Abstützung der Lobbyarbeit. Dass vornehmlich die vom Rest der Schweiz immer mal wieder mit Argwohn beäugte «Greater Zurich Area» den Hals in die Höhe reckt, kann für einmal aber nicht dieser selber angelastet werden. Alle Bemühungen darum, in der Schweiz ein Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Kultur und Kreativwirtschaft eng zusammengehören und in der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung des Landes eine strategische Rolle einnehmen werden, sind nämlich offen konzipiert. Alle Regionen, Verbände, Einzelpersonen und sonstigen Betroffenen sind eingeladen, sich einzubringen.

Es wäre schade, wenn die Kreativwirtschaft − also die Überzeugung, dass Kultur und Kreativität nicht nur ein privates Selbstfindungsprojekt sind, sondern auch eine wirtschaftliche Chance darstellen − aus einem Anti-Zürich-Reflex regionaler Kulturschaffender bloss zur Sache der Zwingli-Stadt würde. Es wäre eine Art sich selber erfüllender Prophezeiung, denn so weit kann es nur kommen, wenn Zürich die Zügel einfach überlassen werden, obwohl da Bemühen spürbar ist, die Initiative auf eine breitere Basis zu stellen.

Tatsächlich wird eine Schweizer Kreativ- und Kulturwirtschaft im internationalen Wettbewerb ihre Alleinstellungsmerkmale eben gerade in einem für unser Land typischen Ausgleich städtischer und regionaler Eigenheiten finden. Mitten im Spannungsfeld der europäischen Wirtschafts- und Innovationsmotoren Baden-Württemberg (Deutschland), Katalonien (Spanien), Lombardei (Italien) und Rhône-Alpes (Frankreich) muss sie diese unverwechselbaren Stärken unbedingt ausspielen.

In den Schweizer Köpfen dürfen zwei Vorurteile keinesfalls am Nisten bleiben: Falsch ist einerseits anzunehmen, Kreativwirtschaft ergreife Partei in einem Konflikt zwischen isolationistischer und behäbiger Ländlichkeit, die sie behindere, und weltoffener und dynamischer Urbanität, die sie befördere. Vielmehr scheint es eine Stärke der förderalistischen und basisdemokratischen Schweiz zu sein, gerade auch die Stärken der Landschaft kreativ zu nutzen. Man denke etwa an traditionelle Stoffe aus dem St. Gallischen, die selbst die amerikanische Präsidentengattin Michelle Obama kleiden, an Museen wie eine Fondation Gianadda, die auch nicht gerade am urbanen Verkehrsbreitband liegen, oder musikalische Schmelztiegel wie Davos, Meiringen, Interlaken, Gstaad, Boswil und Ernen − alle ja auch nicht gerade Zentrumsquartiere des Grossen Kreativzürichs.

Andererseits dürfen Kreativ- und Kulturwirtschaft hierzulande auch nicht als die typische Domäne der Jugend betrachtet werden. Sie paaren sich zwar gerne mit Lifestyle- und Ausgehmoden. Die Impulse kommen in dieser Hinsicht aber vor allem aus urbanen europäischen Metropolregionen, mit denen selbst das Millionenzürich nicht konkurrenzieren kann (man kann sogar die These aufstellen, dass die glamouröse und kreative Partyszene Zürichs mit dem Wandel der Hochfinanz von der Grossspurigkeit zum Schmalspurformat ihre impulsgebende Kraft an der Limmat weitgehend verlieren wird). Die Schweiz hat nun einfach mal keine Metropolregionen wie Paris, Berlin, Wien, London oder Barcelona.

Die älteren Generationen dürfen in der Schweiz nicht einfach mit Francine Jordi, dem Jodlerklub Wiesenberg und Telemark statt Snowboard gleichgesetzt werden. Auch auf dem Land hören Alte Lachenmann und Boulez, und auch in der Stadt gibt es Pensionäre. Das dritte, vierte und bald einmal fünfte Lebensalter haben in der Schweiz einen ganz eigenen Charakter: Seine Vertreter (und noch viel mehr die Vertreterinnen) sind ein Leben lang in weltweit einmaliger Art in Sachen politischer und bildungsmässiger Partizipation sozialisiert worden, und sie sind – wagen wir mal zu behaupten – weltoffener als der Durchschnitt der europäischen Pensionäre.

Ein neuer Stadt-Land- und Generationenpakt müsste also der Treibstoff sein, der die Schweizer Kreativ- und Kulturwirtschaft zum globalen Wettbewerbsvorteil des Landes werden liesse. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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