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Wenn Journalisten keine Fragen mehr stellen

Von Wolfgang Böhler

 

08.05.2009 — Nach aussen hin vermitteln die Medien den Eindruck lärmiger Geschäftigkeit, nicht endenwollender Empörung und vorwitziger Provokationen. Wenn man aber ein wenig hinter die Kulissen schaut, dann sieht das ganz anders aus: Die Medien sind nicht laut, nicht einmal vorlaut. Sie sind in Tat und Wahrheit verstummt. Offenbar schreiben Kulturjournalisten heute lieber Kolumnen, in denen sie ihre persönliche Befindlichkeit bis in die feinsten Details ausleuchten, anstatt Fakten zu sammeln, unangenehme Fragen zu stellen und Missstände in Kulturleben und -politik zu analysieren. Und das ist ziemlich bedenklich.

Es ist wieder die Zeit, in der Konzertveranstalter landauf und landab ihre Programme der kommenden Saison vorstellen. Das hat in den vergangenen Wochen unter vielen andern die Zürcher Tonhalle getan; zum Schluss blickt Intendant Elmar Weingarten fast flehend in die Runde der anwesenden Journalisten und bittet um Fragen. Dröhnendes Schweigen (eine eher belanglose Frage kommt dann doch noch, man muss aber vermuten, dass dem Frager, einem renommierten Kritiker einer nicht minder renommierten Schweizer Tageszeitung, das Schweigen peinlich geworden ist und er für seine Kolleginnen und Kollegen in die Bresche springt).

Weingarten kann es fast nicht glauben und tut dies auch kund. Vermutlich hat er sich auf Verrisse, kritische Fangfragen und emotionale Angriffe vorbereitet. Immerhin hat die Tonhalle Wochen zuvor ihren kaufmännischen Direktor gefeuert, und sie steht wegen der verlorenen Abstimmung ums Kongresshaus vor einer ungewissen Zukunft. Vom Saisonprogramm gar nicht zu reden. Eben: nichts zu reden gibt’s.

Dasselbe Spielchen in Bern bei der Präsentation des Saisonprogramms des Berner Symphonieorchesters, das auf der nicht einfachen Suche nach einem neuen Chefdirigenten ist und ein ungelöstes Problem mit dem Operndienst im Stadttheater hat. Keiner bohrt nach. An andern der jährlichen Treffs von Medien und Kulturinstitutionen: das gleiche Bild.

Bei der Präsentation der kommenden Saison im Zürcher Opernhaus – man errät’s – sieht sich auch Intendant Alexander Pereira eher verblüfft einer schweigenden Wand recht zahlreich aufmarschierter Journalisten gegenüber, selbst nachdem er zum Schluss fast melodramatisch extra noch eine politische Bombe platzen lässt – mit der Ankündigung eines Auftrittes der Zürcher Oper in Palästina, mitten in den angespannten diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Israel.

Das fällt nun sogar der Berichterstatterin der «Neuen Zürcher Zeitung» auf. Sie schreibt in ihrem Artikel: «Einmalig war aber auch der Abschluss der jüngsten Medienkonferenz im Opernhaus: keine einzige Wortmeldung oder Frage aus dem Journalistenkreis.» Wenn das sogar ein im Alltagsgeschäft ganz und gar nicht auf Nabelschau erpichtes Qualitätsblatt bemerkenswert findet, dann, ja dann haben wir vermutlich wirklich ein echtes Problem.

Wie gesagt: Die Medien lärmen bloss vordergründig, hinter den Kulissen bleiben sie immer häufiger stumm. Wenn man die Reaktionen ihrer Ansprechpartner sieht, muss man sagen: Irgendwie sind sie ohne Not verstummt. Es hat sie keiner zum Schweigen gebracht, im Gegenteil, ihre Gegenüber wären froh, wenn sie eine Reaktion sähen auf ihre Taten (und Untaten).

Woran es liegt? Wir hätten da ein paar Vermutungen, aber ehrlich gesagt: Wir hocken lieber aufs Maul. Keine Fragen. Schliesslich haben wir noch einen Nachhauseweg. (cf)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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