Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

(Keine) Konjunkturspritze für die Kreativen

Von Wolfgang Böhler

 

19.06.2009 — Der Schweizer Bundesrat hat «eine dritte Stufe konjunktureller Stabilisierungsmassnahmen» beschlossen. Mit «gezielten, zeitlich befristeten Massnahmen für besonders verletzliche Zielgruppen» sollen «der Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit bekämpft und damit Aussteuerungen verhindert werden» (in Anführungszeichen gesetzt sind Zitate aus der entsprechenden Medienmitteilung des Bundes, die Kursivsetzung geht auf unsere Kappe). Und wie will der Bund Langzeit- und Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen? Unter anderem «mit befristeten Anstellungen in Stellennetzen für Einsätze in nichtprofitorientierten Organisationen und für Sonderaufgaben, beispielsweise in den Bereichen Natur, Pflege, Tourismus und Jugend».

Das Wörtchen, das da noch einen Funken Hoffnung mit Blick auf die Kreativ- und Kulturwirtschaft aufscheinen lässt, ist im letzten Satz «beispielsweise», denn in der Aufzählung fehlen diese Erwerbszweige. Auf Bundesebene wird mit notorischer Regelmässigkeit übersehen, dass Kreativ- und Kulturwirtschaft nicht nur fürs Image des Landes und die nationalökonomisch unerlässliche Innovationsfähigkeit eine wichtige strategische Bedeutung haben, sondern auch für viele existenzsichernde Arbeitsplätze verantwortlich sind – im Raum Zürich zum Beispiel für mehr als die Finanzwirtschaft.

Wenn es also darum geht, Arbeitsplätze zu sichern, bis die Betroffenen wieder auf eigenen Beinen stehen können, dann wären Kreativbetriebe eine wichtige Adresse für die jetzt vom Bund ins Auge gefassten Fördermassnahmen. Man könnte dabei unter Umständen sogar zwei Fliegen auf einen Schlag treffen, indem man etwa Praktika von Designern, Musikern oder Textern über die Sprachgrenzen hinweg fördern würde, um die nationale Identität zu stärken, oder mit einer bewusst geförderten Zusammenarbeit von Industriebetrieben und kreativen Think Tanks aus der Kultur, in deren Rahmen neue, weltmarktfähige Produkte oder Dienstleistungen angedacht werden könnten.

Auf solche Ideen kommen Politiker nicht von selber. Ideen-haben ist ganz allgemein kein herausragendes Kennzeichen von Politikern. Politiker halten sich lieber an das launische Bonmot aus der Startup-Szene, dass wer Visionen habe, besser zum Psychiater gehe als zum Risikokapitalgeber. Politiker fürchten Ideen, speziell diejenigen der originellen Sorte, denn diese sind in der Regel schon nur deshalb nicht mehrheitsfähig, weil sie von der Mehrheit gar nicht erst verstanden werden; lieber verhandeln unsere Volksvertreter Gesetzesentwürfe. Die kann man schwarz auf weiss nach Hause tragen.

Irgendwie hat das auch seine Richtigkeit, denn unsere Politiker sind verhältnismässig schlecht bezahlte Milizionäre, die ihre Familien genausowenig mit Ideen durchfüttern können wie Künstler die ihrigen mit dem Künstlerlohn, dem Applaus des Publikums. Das Ideen-haben ist in der Schweiz Sache der einschlägigen Interessengruppen; sie stopfen damit die Aktenköfferchen von Lobbyisten voll und lassen sie von diesen in die Rathäuser tragen.

Geht’s nun darum, auch den Kreativen in der Krise über die Runden zu helfen, zeigt sich einmal mehr auf empfindliche Weise das Fehlen einer Lobby für ihre Belange. Vor allem die staatstragende bürgerliche Mitte ist auf diesem Auge blind; und die einzige zaghaft angezeigte Initiative aus den Kreisen der Kreativen selber, ein Verband Kreativwirtschaft Schweiz scheint nicht so recht aus den Startlöchern zu kommen.

Da droht bereits der Rückfall in die keineswegs guten alten Zeiten, als Mütter ihren Töchtern und Vätern ihren Söhnen (oder kreuzüber anders) noch einschärften, statt Schauspieler, Lyrikerin, Musiker oder Bildhauerin zu werden doch besser «etwas Anständiges» zu lernen, denn Kunst kann nur dann nach Brot gehen, wenn solches auch gebacken wird.

Die Folgen des drohenden Braindrains werden sich im Aufschwung zeigen: Wenn dann wieder Ideen, Innovationslust, Originalität und eine anregende kreative Stimmung gefragt sind, um das Land auf Touren zu bringen, dann wird keiner mehr da sein, der weiss, wie man diesen Motor anwirft. Diese besonders verletzliche Zielgruppe wird dann in den Massnahmen zur Stützung der Konjunktur irgendwie verlorengegangen sein. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

Schreibe einen Kommentar