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17.07.2009 — Kultur ist das notwendige Gegengewicht zum schnöden Geldscheffeln in der Wirtschaft. Fürs seelische Gleichgewicht des Volkes ist sie unerlässlich, deshalb – der logische Schluss -: Her mit mehr (Steuer-)Kohle für Kultur. Das ist in etwa die Argumentation von Künstlern und Kulturschaffenden, wenn sie sich dazu herablassen, sich politisch einzubringen. Natürlich ist das vergebliche Liebesmüh, denn politisches Gehör verschaffen sich Kultur- und Kreativwirtschaft nur, wenn sie nicht an vage ethische Prinzipien oder schöngeistige Defizite appellieren, sondern die heilige Dreifaltigkeit des Politikers im eigenen Schild führen: Arbeitsplätze schaffen, Staatsseckel füllen, Wiederwahl sichern.
Politiker haben ein relativ schnell versagendes Vorstellungsvermögen. Sie haben’s lieber bodenständig. Statt den Guten Willen zu beschwören, muss man ihnen konkrete Projekte schmackhaft machen, die mindestens zwei der dreifaltigen Forderungen erfüllen (wobei eine davon natürlich immer die letzte sein sollte).
Nun sind Kreativprojekte naturgemäss relativ weit entfernt von der Front der Schaffung von Arbeitsplätzen und der Umsatzgenerierung, denn die Kreativwirtschaft ist eine typisch grundlagenorientierte Querschnittbranche. Dennoch ist sie die vitale Voraussetzung dafür, dass am Schluss des Unternehmensprozesses eben die Schaffung von Arbeitsplätzen und Steuersubstrat steht.
Wie liesse sich dies besser sichtbar machen, respektive noch intensiver stimulieren? Eine hochkarätige Möglichkeit wäre die Schaffung einer Eidgenössischen Kreativhochschule (EKH), die analog einer ETH Grundlagenforschung betreiben und in enger Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft an der Umsetzung ästhetischer Konzepte in wettbewerbsfähige, weltmarkttaugliche Produkte und am kreativen Design der Geschäftsprozess-Optimierung arbeiten würde. Kreatives Denken kommt nämlich nicht nur dem Produktedesign zugute; viele verknorzte Geschäftsprozesse liessen sich dank des Wissens der Kreativen um Eleganz, Einfachheit und Effizienz ebenfalls wesentlich verbessern.
Wer die Idee einer EKH weit hergeholt findet, der sei daran erinnert, dass der Bund Forschungsinstitutionen selber betreibt oder mehrheitlich unterstützt, die auf ihren Gebieten ähnliche Ziele verfolgen. Es gibt ein Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung, es existieren auf Bundesebene mehrere unter dem Titel Agroscope zusammengefasste Forschungsinstitutionen, welche die bäuerlich geprägte Landwirtschaft sekundieren. Bestens bekannt sind auch die «Swiss Federal Laboratories for Materials Testing and Research» vulgo Empa; in Avenches betreibt der Bund sogar ein Nationalgestüt (das auch so heisst!), zu nennen wäre im weiteren das Schweizerische Tropeninstitut oder das Swiss Institute of Bioinformatics (SIB). Es gibt noch ein paar andere diesen Kalibers.
Selbst im Kulturbereich finden sich Institutionen des Bundes: In Sachen rückwärtsgewandter Dokumentation des Schweizer Kulturschaffens ist der Bund nämlich durchaus aktiv. Er unterhält nicht nur eine Nationalbibliothek und ganz im Geist der Stützung regionaler Vielfalt ein Institut für Kulturforschung Graubünden, sondern auch ein Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, in das zwischen 2008 und 2011 insgesamt 10 Millionen Bundesfranken fliessen und von dem gemäss Leistungsvereinbarung erwartet wird, dass es im Dienstleistungsbereich – der Restaurierung und Konservierung sowie in Sachen Expertisen, Redaktionsleistungen, Beratungen, Inventarisierung, Fotografie und so weiter – gewinnbringend arbeitet. Laut eigener Charakterisierung positioniert es sich seit 2008 «als international orientiertes Institute for Advanced Study», das «einen wichtigen Beitrag zur Stärkung des Forschungsplatzes Schweiz» leistet.
In selbem Sinn und Geist müsste man eine zukunftsgerichtete Forschungsstätte ins Leben rufen, eine EKH eben. Eine ihrer Aufgaben müsste es sein, das zu tun, was Nationalrat Ruedi Noser während der Debatte ums Kulturförderungsgesetz verspottet hat, als es um die mögliche Schaffung eines Kulturrates ging: das Nachdenken darüber, was das spezifisch Schweizerische hiesigen kreativen Schaffens sein könnte. Wenn man’s in seinen Wirtschaftsjargon übersetzt, wird’s vielleicht auch für den Unternehmer einsichtig: Welches sind denn im globalen Wettbewerb die Alleinstellungsmerkmale Schweizer Designs und ästhetischen Denkens?
Herauszufinden, was einen ergonomischen Kartoffelschäler, ein fast nicht umzubringendes Armeemesser, perfektionistische Sachfotografie (speziell in Form unendlicher Varianten von Eierbildern), Qualitätsbeton, die Helvetica oder Frutiger genannten serifenlosen Linear-Antiqua und Tiefenpsychologie von Weltruf miteinander verbindet – das wäre schon mal ein Anfang. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
