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12.02.2010 — In der zweiten Debatte im Rahmen des Pro-Helvetia-Programmes Ménage – Kultur und Politik zu Tisch standen sich in La-Chaux-de-Fonds die frühere Pro-Helvetia-Präsidentin Yvette Jaggi und der Unternehmer Marc Bloch gegenüber, um die Rollen von Staat und Privaten in der Kulturförderung zu diskutieren (Details zur Debatte finden sich unter www.menage-carnotzet.ch). Der Diskurs wurde von den beiden erwartungsgemäss kompetent geführt; er offenbarte aber auch, dass die aktuellen nationalen kulturpolitischen Grundsätze den Herausforderungen nicht genügen, vor denen unsere Kultur- und Kreativwirtschaft stehen.
Yvette Jaggi verfocht mit einem Hinweis darauf, dass Kultur eine hochgradig individuelle Angelegenheit sei und relevante Künstler dadurch charakterisiert werden könnten, dass sie ihre Werke aufgrund einer inneren Notwendigkeit schüfen, eine für eine pointierte Linke erstaunlich romantisierende Sicht des Kunstschaffens.
Marc Bloch, Direktor der Kaffeerösterei La Seumeuse und kluger Förderer lokalen Kulturschaffens ohne offensichtlichen betriebswirtschaftlichen Profit, zweifelte wiederum ganz grundsätzlich am direkten ökonomischen Nutzen der Kultur. Eine nicht minder idealisierende Sicht der Dinge.
Die Äusserungen sind bloss Symptom dafür, dass die Schweizer Kulturpolitik von unhinterfragt tradierten Paradigmen geleitet wird: Zum einen ist dies eine (von Yvette Jaggi als solche auch benannte) hochgradige Ausdifferenzierung der Förderung in der Horizontalen, als Instrument der förderalistischen Regionalentwicklung. Zum andern ist es ein ökonomisches Modell, dass den Nutzen von Kunst und Kultur in allerlei Effekten der Umwegrentabilität sucht. Kultur wird dabei als Gegenwelt zur Wirtschaft gesehen, und zwar sowohl links wie rechts.
Rechts wird sie als Wahrerin des Guten, Echten und Schönen im Gegensatz zu den Kämpfen in den wirtschaftlichen Niederungen des Alltags betrachtet, links als moralisch überlegenes, kritisch hinterfragendes Korrektiv gegen Korruption, Manipulation und Machtmissbrauch in Politik und Ökonomie.
Nach der Schwächung des Finanzplatzes und der Industrie und der zunehmenden Konkurrenz durch die erstarkenden Schwellenländer wird die in aufgeklärtem Individualismus und funktionierenden basisdemokratischen Strukturen fussende Wirtschaft unseres Landes aber nicht zuletzt dank der Stärken ihrer kulturellen Energien konkurrenzfähig bleiben.
Kunst und Kultur sollten also nicht als so eine Art Blinddarm der Volkswirtschaft betrachtet werden, sondern als integraler Teil eines wettbewerbsfähigen nationalökonomischen Systems. Dem alten Paradigma der Rechtfertigung kultureller Aktivitäten mit Umwegrentabilität (die natürlich auch Faktum ist) muss ein zukunftsfittes entgegengehalten werden. Dieses muss das Bewusstsein befördern, dass der Weg zu weltmarktfähigen, qualitativ exzellenten Produkten nur über kulturelle und ästhetische Kompetenz führen kann.
Die Ausdifferenzierung der Kulturförderung in der Horizontale muss im neuen Paradigma überdies durch eine vertikale ergänzt werden: Dabei gilt es, zeitgenössisches freies Kunstschaffen, Kulturwirtschaft und Kreativbranchen in differenzierte und aufeinander abgestimmte Modelle der Kultur- und Wirtschaftsförderung einzupassen.
Die halbherzigen Bemühungen der Kulturförderer, Wirtschaftsförderung zu betreiben (die Yvette Jaggi in La-Chaux-de-Fonds übrigens auch angesprochen hat), die sich in Modellen wie «Succes Cinema» der eidgenössischen Filmförderung niederschlagen, könnten dann in besser durchdachte und griffigere Kooperationen von Kultur- und Wirtschaftsunterstützung gebracht werden. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
