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26.02.2010 — Ein bereits gewählter Rektor einer Musikhochschule sieht sich mit anonymen Drohungen konfrontiert und zieht es vor, das Amt nicht anzutreten. Ein alternativ berufener zweiter Kandidat tritt das Amt zwar an und erhält von gewichtigen Exponenten des Schweizer Musiklebens für sein Wirken beste Noten. Dennoch wird er nach bloss 16 Monaten im Amt in einer Art wieder auf die Strasse gestellt, die etwas ans amerikanische «Hire and Fire»-Prinzip erinnert. Die Lust, sich damit auseinanderzusetzen, was da schiefgelaufen ist und immer noch schief läuft, scheint sich allerdings erstaunlicherweise in Grenzen zu halten (die Details zu den Ereignissen, welche zur Zeit die Teilschule Musik der Hochschule Luzern erschüttern, finden sich in diesem Dossiertext.)
Die Vorgänge in Luzern und der Umgang damit sind exemplarisch für eine Haltung, die im Schweizer Kulturleben leider noch weit verbreitet ist. Die Überwachung lokaler Kulturinstitutionen gilt vielerorts noch als Ehrenamt, das in der Regel Vertretern der staatstragenden Kreise örtlicher Gemeinschaften übertragen wird. Diese sind – zumindest im Fall der Kontrollorgane – meist keine Kulturprofis, und sie neigen dazu, menschliche und strukturelle Konflikte nach alter Väter Sitte «mit Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen» und die «spezielle Sensibilität von Künstlern» diskret zu behandeln oder, wie der Volksmund so schön sagt, sie unter dem Deckel zu halten.
Die Schweizer Kulturinstitutionen haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht zuletzt wegen des stetig grösser werdenden politischen Rechtfertigungsdrucks stark professionalisiert. Die neu entstandenen Kulturmanagement-Ausbildungen sind ein Zeichen dafür, die Einführung von Leistungsvereinbarungen und Qualitätskontrollen ein anderes.
Organisationen wie sie im Gesundheitswesen etwa Patientenschützerinnen oder im Detailhandel der Konsumentenschutz kennen, die kontinuierlich Transparenz erzwingen, sucht man in der Kulturwirtschaft aber (noch) vergeblich. Die Einsicht, dass Unregelmässigkeiten und Spannungen konsequent aufgearbeitet werden müssen, um unheilvolle Entwicklungen zu verhindern und dass angstbefördernde oder repressive Atmosphären nicht bagatellisiert werden dürfen, hat sich im vielerorts nach wie vor paternalistisch geprägten Kulturleben noch nicht wirklich durchgesetzt.
Darunter leiden in erster Linie die Kulturprofis selber, im Fall Luzern die Musikerinnen und Musiker. Kreative Gemeinschaften sind in aller Regel sensible menschliche Biotope. Musiker, auch in der Bildung tätige, sind durch den stetig steigenden Erfolgs- und Wettbewerbsdruck speziellen seelischen Belastungen ausgesetzt. Dem muss Rechnung getragen werden. Ein wichtiger Teil davon ist, Konflikte konsequent und umfassend aufzuarbeiten.
Die ökonomische Bedeutung der Kulturwirtschaft nimmt in der globalisierten Welt zu. Auch deshalb ist es immer dringlicher angezeigt, für sie auf Basis zeitgemässer Personalführung ein Umfeld zu schaffen, das kreativen Kräften Raum zur unbelasteten Entfaltung schafft. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
