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26.03.2010 — Das hätte man sich ja nicht träumen lassen, dass man sich einmal Pascal Couchepin als Kulturminister zurückwünschte. Kaum ist der grosse Kater aus dem Haus, tanzen aber die Mäuseriche, da vermisst man plötzlich das feine Näschen des Waadtländers für administrative Ökonomie.
Wir erinnern uns: In der Frühjahrs-Session 2009 ging es im Nationalrat darum, die Institution eines Kulturrates im Kulturförderungsgesetz zu verankern. Der damalige Bundesrat goss Hohn und Spott über das Ansinnen. Couchepin zählte auf, von welchen Gremien die Kultur bereits repräsentiert wird, nämlich «von der Konferenz der Schweizer Städte für Kulturfragen, der Konferenz der kantonalen Kulturbeauftragten, Suisseculture und den Branchenorganisationen, die in die Dutzende gehen». Wenn man da ein Gremium mehr ins Leben rufe, mokierte er sich, leiste man bloss der kulturellen Frustration Vorschub. Ein solches wäre doch bloss ein Ort der «Bitterkeit, Ohnmacht und Verzweiflung» (so steht’s wörtlich in den Ratsprotokollen).
Nun, was macht das Bundesamt für Kultur (BAK), kaum ist der Ritter von der nicht gar so traurigen Gestalt gegens Gremien-Gründen gegangen? Es ruft eine Nationale Kulturkonferenz ins Leben! Eine solche soll jährlich, und zwar immer am 1. Oktober, Vertreter von Bund, Städten, Kantonen und weitere national relevante Akteure in der Kulturförderung zusammenbringen.
Weshalb der 1. Oktober? Weil die Konferenz so mit dem Weltvegetariertag zusammenfällt? Will man symbolisieren, dass nach Couchepins Prophezeiung die Kultur nun ins Gras beissen muss? Oder wird am UNO-Tag der älteren Menschen zum Trost daran erinnert, dass der bürokratisch überflüssige Kulturrat der Wunsch «von etwas älteren Kulturschaffenden» gewesen sein soll, wie ein FDP-Vertreter in der selbigen Frühjahrs-Session mutmasste?
Das BAK begeht mit der Ankündigung einen Ideologiebruch; es hat darüberhinaus gezeigt, mit welcher Klasse es die Register der symbolischen Diplomatie zu ziehen in der Lage ist. Vorgestellt hat es das obrigkeitliche Projekt nämlich zum 10-Jahre-Jubiläum des Forums Kultur und Ökonomie (www.kulturundoekonomie.ch). Die organisch gewachsene Basisorganisation bringt jährlich Vertreter von Bund, Städten, Kantonen und weitere national relevante Akteure in der Kulturförderung zusammen.
Das Forum ist eine Art WEF der Schweizer Kulturförderung, mit einer ähnlichen Problematik: Seine Mitglieder repräsentieren nach eigener Einschätzung rund zweieinhalb Milliarden Franken jährliche Fördergelder, oder anders gesagt so ziemlich alles, was in der Schweiz an Knete für Kultur aufgeworfen wird (schade, dass es Suisseculture noch nicht in den Sinn gekommen ist, dazu ein begleitendes Open Forum einzufordern).
Die Mitglieder des exklusiven Kreises entscheiden allerdings nicht über ihr eigenes Geld, sondern über solches, das ihnen zu treuen Händen anvertraut wird. Sie sind im Schweizer Kulturtheater also nicht die Regisseure, Sänger und Schauspielerinnen, sondern die Kulissenschieber, Kabelträger und Garderobieren. Am jährlichen Klassentreffen, heuer im Luzerner Südpol, hat man den Eindruck erhalten, sie seien sich dessen durchaus bewusst.
Ob eine von oben verordnete Nationale Kulturkonferenz von ähnlichen Grundsätzen geleitet werden wird? Oder ob da bloss Rosinante und Sancho Pansa etwas besser im Auge behalten werden sollen? Seine Dulcinea hat der Ritter nie zu Gesicht bekommen. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
