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Schwyz und Kulturräume im eigentlichen Sinn

Von Wolfgang Böhler

 

23.04.2010 — In einer Medienmitteilung über einen eingestandenen Mangel an Kulturräumen im Kanton Schwyz verheddert sich der Schwyzer Regierungsrat in einem sprachlichen Knäuel: «Der Regierungsrat will», schreibt der Regierungsrat, «an der bisherigen strategischen Ausrichtung seiner Förderpolitik (projektbezogenen Beiträgen statt Objekt- und Betriebskosten-Finanzierung) festhalten. Er begründet dies einerseits mit der traditionsgemäss zurückhaltenden Förderpolitik, die davon ausgeht, dass Kultur in erster Linie im Privaten und Lokalen geschaffen und erlebt wird und daher nicht einer zentralen Steuerung oder Finanzierung unterliegen sollte. Andererseits sieht er eine Abkehr von der bisherigen Förderpraxis mit der Problematik verbunden, dass der interpretationswürdige Begriff eines ‚Kulturraums im eigentlichen Sinn’ und damit die Frage der Unterstützungsberechtigung im Einzelfall ausgelegt werden müsste.»

Wenn wir das richtig verstehen, hat der Schwyzer Regierungsrat Kulturprojekte bislang projektbezogen – also im Einzelfall – gefördert. Eine Abkehr von dieser Förderpraxis würde nun aber offenbar bedeuten, dass Unterstützung im Einzelfall ausgerichtet werden müsste. Der offensichtliche Widerspruch löst sich nur auf, wenn man davon ausgeht, dass der Regierungsrat «Einzelfall» zweimal in verschiedener Bedeutung verwendet, mithin jeder «Einzelfall» ein Einzelfall darstellt. Der Kantonsrat legt also offenbar Wert auf die Einheit von Form und Inhalt und offenbart sich ergo zumindest als ästhetisch empfindliches Entscheidgremium.

In seinem Beschluss stellt der Schwyzer Regierungsrat darüberhinaus fest, dass aufgrund einer Untersuchung 70 Prozent der Schwyzer der Meinung sind, dass im Kanton ein Bedürfnis nach Veranstaltungsräumen für Konzerte, Theater und Ausstellungen bestehe; er schliesst seiner subtilen Syllogistik zufolge daraus, dass «das Fehlen eines eigentlichen kantonalen Kulturzentrums kaum als Mangel empfunden wird».

Dieser verblüffende Schluss wiederum muss damit zusammenhängen, dass Schwyzer Bürger Kultur halt eben in erster Linie im Privaten und Lokalen schaffen, was darauf hinweist, dass die Frage, wie «Kultur» definiert werden soll, in der Schweiz von Kanton zu Kanton verschieden ist.

Im «Kulturkanton» Aargau zum Beispiel wird nichtkommerzielles Kulturschaffen nämlich von einem kantonalen Kuratorium unterstützt, das «insbesondere auf junge Kultur mit speziellen Programmen für Rock und Pop» setzt, der Kanton Basel-Stadt leistet sich für jährlich rund 110 Millionen Franken jede Menge kantonale Kulturräume im eigentlichen Sinn – unter anderem zehn Museen und ein Stadttheater und darüberhinaus ein halbes Dutzend Orchester mit überregionaler Bedeutung und noch so einiges mehr. Und so weiter: noch andere Kantone, noch andere Sitten.

Der Schwyzer Regierungsrat hingegen stellt sich – was natürlich sein gutes föderalistisches Recht ist – auf den Standpunkt, dass Schwyz ein Kanton ist, dessen Kultur eine im Privaten und Lokalen geschaffene und erlebte ist, die mit Steuergeldern bloss ruiniert werden könnte.

Das wiederum, was Zürcher und Luzerner Kulturinstitutionen produzieren, kann nach Schwyzer Standpunkt hingegen offensichtlich nicht mit gutem Gewissen als Kultur bezeichnet werden, denn die Zürcher und Luzerner Kulturinstitutionen werden vom Kanton Schwyz mit zwei Millionen Franken Steuergeldern jährlich unterstützt, was ja nicht möglich wäre, wenn es sich dabei um Kultur handeln würde, denn diese findet ja im Privaten und Lokalen statt und sollte nicht einer zentralen Finanzierung unterliegen.

Gegen die eklatante Hintanstellung potentieller eigener Schwyzer Kulturräume im eigentlichen Sinn gegenüber Zürcher und Luzerner Unkultur wehrt sich ein Verein mit Namen «SchwyzKultur+». Den muss der Schwyzer Regierungsrat im Kulturdialog allerdings nicht ernst nehmen, denn der keineswegs im privaten schaffende Verein leistet nämlich überhaupt keinen Beitrag zur Kultur des Kantons, sonst könnte ihn der Regierungsrat nicht mit Steuergeldern unterstützen, was er aber tut – vielleicht ja gerade deshalb. In diesem Fall wäre er sicher ein besonders raffinierter Regierungsrat, der sich seiner Gegner entledigt, indem er sie unterstützt. Für derartige Gedankenakrobatik verdiente er einen Kulturpreis. Aber natürlich bloss einen solchen einer privaten Stiftung. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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