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07.05.2010 — Marc Adam, der glücklose Intendant des Theaters der Bundesstadt wird entmachtet. Ein Kommentator der Zeitung «Der Bund» erklärt den Schritt «zivilisiert», wie er meint, damit, dass Adams Undurchsichtigkeit das Stadttheater gespalten habe (Er schreibt zwar «gespaltet», eine Stil-Erörterung gäbe aber ein anderes Editorial). Das Berner Stadttheater repräsentiert de facto zwar Bundeskultur, allerdings sieht das in Bern und beim Bund offenbar keiner so. Nicolas Bideau, der Chef der Sektion Film des Bundesamtes für Kultur (BAK), nimmt den Hut (auf Ende Jahr). Die Schweizerische Depeschenagentur zitiert dazu Rolf Schmid, den Präsidenten des Filmproduzentenverbandes SFP der meint, Bideau hinterlasse einen «Scherbenhaufen» Man muss sich das mit sonorem, aber nüchternem Ton vorgetragen vorstellen.
Die Gesetzgebung der Bundes-Kultur ist eine (brachliegende?) Baustelle. Das letzten Herbst verabschiedete Kulturförderungsgesetz (KFG) sollte nun umgesetzt werden. Dazu müsste eine Kulturbotschaft Formen annehmen. Damit zum Beispiel klar würde, was aus der Eidgenössischen Kunstkommission wird. Bleibt die in Bern beim BAK oder wechselt sie nach Zürich zur Kulturstiftung Pro Helvetia? Oder wird sie gespaltet/n? Betroffene beklagen sich darüber, dass mit der Botschaft nicht vorwärts gemacht wird. Zudem geistert irgendwo in den Ratsfahrplänen noch die Initiative «jugend + musik» herum. Die passt aber dem Bundesrat nicht, sie liegt nämlich schräg in der Politik zur Bildungslandschaft. Und den Bildenden Künstlern, Theaterschaffenden und Literaten passt sei auch nicht, weil sie einseitig die Musik in der Verfassung verankern will. Da könnte ja jeder kommen. Respektive: Käme jeder, könnte man drüber reden.
Dass in der Bundespolitik alles einen ziemlich kopflosen Eindruck macht, kommt nicht von ungefähr. Als das KFG aufgegleist wurde, wehrten sich die Bürgerlichen gegen einen Zweckartikel und gegen grundsätzliche Diskussionen darüber, was Bundeskultur sein soll und leisten sollte. Das ist auch nichts neues unter der eidgenössischen Sonne: Schon im Clottu-Bericht, einer grossangelegten Bestandesaufnahme zum Schweizer Kulturleben aus dem Jahr 1975 steht (auf Seite 22 von 496) eine Vergrösserung der Bundeskompetenzen auf dem kulturellen Gebiet sei undenkbar. Die «Kulturbehörden aller Kantone und von rund zwanzig Städten des Landes [hat die Schweiz so viele?] waren bei den (…) mit ihnen geführten Gesprächen einmütig in ihren Reaktionen»; einer ihrer Vertreter habe sie in der lapidaren Bemerkung zusammengefasst, man wolle keinen eidgenössischen Kulturvogt.
Der föderalistische Abwehrreflex ist das eine. Zum andern ist die bürgerliche Kulturpolitik noch immer auf dem Stand des Kalten Krieges: Kultur wird als Privatsache betrachtet. Das ist allerdings bloss ein vorgeschobenes Argument. Im Grunde genommen bringt man damit in Tat und Wahrheit nur zum Ausdruck, dass man Kultur bloss als Mittel des linken Klassenkampfes und damit als Angriff auf den freiheitlichen Staat betrachtet.
Eigene Vorstellungen dazu, was Kultur sein sollte und was sie leisten müsste, werden rechts von Moritz Leuenberger und Corinne Mauch keine entwickelt. Bürgerliche Politiker können Kultur mit der ebenso verächtlichen wie dümmlichen Bemerkung abtun, die Kulturschaffenden seien ohnehin alles Linke – ohne zu merken, dass sie sich damit ins eigene Knie schiessen: Kulturschaffen ist nicht tendenziell ein linke Angelegenheit, weil die Linken die Bürgerlichen nicht mitspielen lassen würden. Sondern weil die Bürgerlichen ihren eigenen Acker nicht pflügen.
Das Hüst und Hott in der Kulturpolitik des Bundes ist im Grunde genommen ein Führungsproblem. Die Bürgerlichen weigern sich, sie aktiv mitzugestalten. Angesichts der globalen Herausforderungen, vor denen unser Land steht, könnte das eine fatale Unterlassungssünde sein. Die Rolle des Bundes in der Selbstbehauptung unseres Landes muss grundsätzlich neu gedacht werden. Ein Kulturdiskurs wäre der richtige Brennstoff dazu. Dass in Bern nicht einmal ein Departements-Reförmchen auf die Schienen gebracht wird, spricht ja auch für sich. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
