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21.05.2010 — 2009 ist die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia 70 Jahre alt geworden. Das Jubiläum ist für fünf Geschichts-Dissertanden unter der Leitung der Historiker Jakob Tanner von der Uni Zürich und Claude Hauser von der Uni Fribourg Anlass, einen Rückblick als «Sozialgeschichte der Repräsentationen», wie das methodentheoretisch offenbar genannt wird, vorzulegen. Das von Tanner, Hauser und Bruno Seger (von der ZHAW) herausgegebene Buch Zwischen Kultur und Politik. Pro Helvetia 1939 bis 2009 (Verlag Neue Zürcher Zeitung, NZZ Libro, 2010) ist vor einigen Tagen vorgestellt worden: Es ist selbstverständlich in Helvetica gesetzt (mit Todesverachtung für alle kanonischen Regeln des Zeilenabstandes), die Seitenzahlen sind so in den Falz gedrückt, dass sie kaum lesbar sind, die festen Lesezeichen eher sperrig als nützlich, und der originell verpixelte Bilderteil weitgehend nutzlos. Zudem fehlt ein Index.
Kompromisslos lesefreundlich ist das nicht, dafür sicherlich designpreisträchtig. Die Originalität der Texte, die im konventionell akademischen Aufsatzstil verfasst sind, hält mit dem gestalterischen Edelanspruch trotz des preziösen methodischen Ansatzes nicht wirklich Schritt. Das Buch ist damit ein Spiegel unserer Zeit: Auf schönen Schein wird da mehr Wert gelegt als auf kompromisslose Inhalte. Zumindest konsequent ist das.
Die Informationen zur Geschichte der Stiftung sind offensichtlich vor allem aus papierenen (und elektronischen) Archiven destilliert worden. Die Autorinnen und Autoren scheinen sich nicht die Mühe gemacht zu haben, im persönlichen Gespräch mit noch lebenden Akteuren Fakten zu festigen oder zu relativieren oder bei einzelnen Fragen mal nachzuhaken. So hätte man zum Beispiel gerne gewusst, was aus den (namentlich genannten) senegalesischen Kindern geworden ist, die in den siebziger Jahren in die Schweiz eingeladen wurden, um «eine neue Ära der kulturellen Zusammenarbeit» einzuleiten (107). Hat das Experiment nachhaltige Wirkung gezeitigt? Weshalb immer wieder im Ausland Aussenstellen eröffnet und weshalb sie vor allem wieder geschlossen werden, scheint der Nachfrage auch nicht wert gewesen zu sein (zum Beispiel 117).
Auch werden Quellen nicht immer mit der nötigen Vorsicht oder Skepsis verwendet. Dass ein einziger «Facts»-Artikel von 2003 tatsächlich als zuverlässiger Beleg zur globalen Einschätzung des Rufes der Pro Helvetia zu dieser Zeit betrachtet werden kann (213) lässt sich durchaus bezweifeln. Dass Nationalrat Peter Föhn sich 1999 laut Ratsprotokollen zugleich darüber beklagt, die Stiftung vernachlässige die Volkskultur, und davor warnt, diese mit Bundesgeldern «zu verhunzen» wird auch einfach stehen gelassen (202), und wenn mit Blick auf die Hirschhorn-Affäre salopp erklärt wird, sie sei wegen «respektlosen Umgangs mit nationalen Symbolen» entbrannt (123), dann wird doch recht unkritisch populistische Kritik kolportiert (der Stein des Anstosses in Sachen Hirschhorn-Ausstellung wird auf Seite 205 allerdings korrekt dargestellt). Ab und zu erschwert auch zwischen den Jahrzehnten Oszillieren, dass Argumente und Entwicklingslinien organisch nachvollzogen werden können.
Man kann aus der Lektüre aber durchaus auch Erkenntnisse gewinnen, etwa diejenige, dass zahlreiche Konflikte rund um die Bundeskulturstiftung sich über die Jahrzehnte als erstaunliche Dauerbrenner erweisen. Wie gross soll der Stiftungsrat sein (57)? Welche Aufgaben soll die Stiftung im Ausland erfüllen (Spannungen zwischen den Departementen des Äussern und Innern gibt es offenbar schon seit den vierziger Jahren, 114) ? Wie wird mit echten und angeblichen politischen Instrumentalisierungen umgegangen? Vernachlässigt die Institution die Romandie und das Tessin?
Schon nur eine Wortneuschöpfung (127) lohnt der Kauf des Buches überdies – sie steht symbolisch dafür, dass Pro Helvetia seit jeher mit der Unmöglichkeit hat leben müssen, Kulturförderung als objektiven und gerechten Akt zu vollziehen: 1944 verfasst der reaktionäre Kunsthistoriker Peter Meyer (Surrealismus ist für ihn «höherer Blödsinn») ein von der Kulturstiftung für die Auslandsarbeit verwendetes Buch zur Kunst in der Schweiz. Alberto Giacomettis Statuen, die heute an globalen Kunstauktionen für dreistellige Millionenbeträge gehandelt werden und den Ruf unseres Landes als Kulturnatiönli retten, bezeichnet er 1965 in der NZZ als künstlerisch uninteressante «Megalomonoplatypoden». Ein Slam Poet der ersten Stunde. Wow. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
