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09.07.2010 — Nationale Fernsehkanäle sind eine Art Seismograf für den Zustand des Kulturlebens eines Landes. Da gibt es schon das eine oder andere, was hierzulande Anlass zur Besorgnis geben könnte. Vitale und einflussreiche philosophische Reflexion scheint es da nämlich kaum noch zu geben. Die «Sternstunden» des Schweizer Fernsehens sind zur Sonntagschule der biedermeierlichen Harmlosigkeiten verkommen, was vor allem mit dem kreuzbraven bis hilflos-befangenen Interviewstil zu tun hat. Damit liesse sich ja noch leben. In den Satiregefässen wird aber überhaupt nicht mehr nachgedacht, sondern bloss noch nachgeäfft – aufs Korn genommen werden Exponenten aus Politik und Wirtschaft nur noch von mehr oder weniger versierten Parodisten, die zwar Sprachduktus und Aussehen von Personen von mehr oder weniger öffentlichem Interesse veräppeln, aber keine wirklich entlarvenden Dialoge zustandebringen. Auch in der Satire gilt da, was im Schweizer Film schon lange erkannte Misere ist: Dekor und Faxen werden immer aufwendiger und professioneller, die Drehbücher bleiben hilflos wie bisher.
Wir haben da so eine Theorie, eigentlich mehr eine Vermutung: Es wird ja nicht so sein, dass das Volk ohne Grund in globo einfach zu Verblöden beginnt. Vielmehr riecht die Nachäfferei stark nach postpubertärer Lust an Geschmacklosigkeiten. Und weshalb schwemmt es diese im Tivi nun mehr und mehr an die Oberfläche? Weil (das ist nun eben unsere Vermutung) die Marketingabteilungen immer wieder ihr Mantra runterbeten, man müsse vor allem die konsumfreudige Zielgruppe der (körperlich und geistig) Fünfzehn- bis Dreissigjährigen bei der Stange halten.
Mit andern Worten: Unsere öffentliche Debattenkultur wird mehr und mehr von der Tatsache geprägt, dass unser Nachwuchs gerne Energy Drinks säuft, in Markenklamotten aufs Snowboard steigt und in In-Theatern und -Zelten herumhopsende Stand-up-Comedians geiler findet als die potentiellen Erben Hans-Dieter Hüschs, Ernst Mühlemanns und Niklaus Meienbergs. Gegen gekonnte Parodien ist ja nichts einzuwenden (gegen mittelmässige Pointen allerdings schon). Das kann’s aber ja nicht gewesen sein.
Eine ähnliche Diagnose stellt der frühere Radiodirektor Andreas Blum. In einer von der Gesellschaft für Medienkritik im April veröffentlichten Philippika («SRG: Rückbesinnung statt Vorwärtsstrategie») diagnostiziert er «eine einseitige Ausrichtung des Angebots nach der Mehrheitsfähigkeit, die totale Nivellierung im Interesse der totalen Vermarktung».
Fairerweise müssen wir erwähnen, dass Blum die von uns kritisch beäugten «Sternstunden» als «Oasen der Ruhe und Reflexion in den seichten Tümpeln dümmlicher Geschwätzigkeit» bezeichnet (wir sind da vielleicht ein bisschen durstiger). Auch erwähnen müssen wir, dass er in Luzern an einem Symposium der Stiftung Wahrheit in den Medien (SWM) seine Kritik ebenfalls vorgetragen und Noch-SRG-Generaldirektor Armin Walpen sie laut Klein Report als Anhäufung von «Un- und Halbwahrheiten» bezeichnet hat, auf die es gar nicht zu antworten lohne. Eine ziemlich fantasielose Reaktion, die den Mangel an schlagfertiger Debattenkultur im Fernsehen eher unterstreicht als relativiert.
Blum spricht ein klares Wort: Er sieht SF als Verfechterin, die mehr und mehr vor allem eines bietet: «TV-Unterhaltung als flächendeckende Zumutung, Kitsch und Krempel, visualisierter Schwachsinn – Information als Infotainment, Skandalisierung statt Differenzierung». Wir würden es etwas anders formulieren: Zuviel Adoleszentes, zuwenig Erwachsenes.
Nun gibt’s ja einen Führungswechsel in den oberen Etagen der SRG. Möglich, dass damit wieder mehr unaufgeregte und solide Kultur ins öffentlich-rechtliche Fernsehen Eingang findet. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
