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Kultur und Medien III: Erodierende Marken

Von Wolfgang Böhler

 

06.08.2010 — Zur Zeit werden wieder Versuche unternommen, journalistische Inhalte im Netz nicht mehr kostenlos zur Verfügung zu stellen, sondern Bezahlschranken zu errichten. Ob sie von Erfolg gekrönt sein werden und den Verlagen die so schmerzlich vermissten Umsätze wieder zurückholen, sei einmal offengelassen. Uns interessiert mit Blick auf die Kulturberichterstattung etwas anderes. Im Nachrichtenbusiness gibt’s Vielfalt heute in der Regel faktisch nicht. Alle Medien greifen auf die mehr oder weniger gleichen Agenturmeldungen zurück oder werden wie einige Schweizer Tageszeitungen vom gleichen Newsdesk bedient und ruinieren damit ihr Markenprofil.

Die Offenheit des Netzes hat dafür einen Diskurs belebt, der angesichts des Rückbaus der kritischen Tätigkeit in den Feuilletons zu versanden drohte: Noch nie war es so einfach, sich zu Ereignissen mit überregionalem Charakter – wichtigen Uraufführungen, Premieren, Buch-Neuerscheinungen und Vernissagen – ein Bild der Rezensenten-Debatte zu machen.

Die Verlage bezahlen dafür allerdings einen für sie eher unangenehmen Preis. Das Netz macht nämlich transparent, was der Nur-Zeitungsleser möglicherweise nicht überblickt: welche Zeitungen mit den gleichen Texten bestückt werden. Die einzelnen Marken (in der Schweiz zum Beispiel «Bund» und «Tagesanzeiger») haben für den Netzleser verwirrliche, sich überschneidende Profile und dadurch völlig verwischten Eigencharakter.

Die Konsequenz: Der Leser kann sich von wichtigeren (manchmal auch unwichtigeren) Kulturereignissen ein recht differenziertes Bild machen, ohne dass er mit bestimmten Positionen bestimmte Medienmarken verbindet. Die Texte, die er zur Kenntnis nimmt, assoziieren sich nicht einmal mehr mit ihren Autoren.

Der Leser unterscheidet überdies kaum noch zwischen guten Ideen, die er in renommierten Qualitätsblättern dargelegt findet, und nicht minder guten, die gesichtslose Blogger oder Artikel-Kommentatoren darlegen. Der Diskurs koppelt sich damit von den Verlagen mehr und mehr ab, die zu eigentlichen anonymen Produktionsgesellschaften zu werden drohen. Die Kontroverse wird dadurch zugleich vielfältiger und unvorhersehbarer, aber auch anonymer.

Soll man das begrüssen oder bedauern? Sicher scheint vor allem eines: Setzen sich Bezahlschranken für Onlineinhalte tatsächlich durch, wird der Kulturteil der Zeitungen zurückgedrängt auf den Stand der Nutzung vor Aufkommen des Internets. Dann werden sich vermutlich zwei Feuilletonwelten ausbilden. Mit Blick auf Bücher und Tonträger wird der Bürgerjournalismus von Blogs und Hobby-Rezensenten die Debatte bestimmen, weil diese typischen Kulturmedien allgemein einfach zugänglich sind und Masse generieren.

Mit Blick auf Ereignisberichterstattungen – Konzerte, Theateraufführungen, Vernissagen – werden sich wieder geschlossene Gesellschaften ausbilden, weil Opernhäuser, Theater und Museen Pressekarten natürlich nur etablierten «berichterstattenden Medien» zugestehen. Was das für sie und ihre öffentliche Wahrnehmung bedeutet – das ist schwer abzuschätzen. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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