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17.09.2010 — Lucerne Festival entwickelt eine ziemliche Staubsaugerwirkung. Es bestimmt mittlerweile nicht nur die lokale Kulturpolitik massgeblich mit – bis hin zu Akten vorauseilenden Gehorsams, wenn es darum geht, städtisches Allgemeingut wie das Luzerner Stadttheater zu beerdigen, um einer von anonymen Geldgebern alimentierten Salle Modulable den Weg zu bereiten. Auch über die oberste Liga der nationalen Musikberichterstattung verfügt das Festival mittlerweile wie russische Oligarchen über englische Fussballklubs.
DRS2-Redaktorinnen und -Redaktoren moderieren Künstlergespräche, das Schweizer Fernsehen turnt eifrig mit, die NZZ hat sogar ein eigenes, vom Feuilleton-Chef persönlich moderiertes «NZZ Podium» und liefert eine zudienende Beilage. Zu der steuert ein gestandener Kritiker des Blattes ein Editorial bei, das tönt, als wäre er der Chefdramaturg des Anlasses. Professionelle Distanz und grundsätzliche Kritik scheinen da kaum noch möglich.
Auch die wichtigsten (und finanzkräftigsten) Sponsoren saugt das Festival auf. Die UBS hat Verbier zugunsten eines stärkeren Engagements am Vierwaldstättersee hingeschmissen, und eine deutsche Automarke ist vom Intendanten so beeindruckt, dass sie ihn überlebensgross in einem Zeitungsinserat inszeniert. Vermutlich im Gegensatz zu den drögen Chefs anderer Anlässe ist er «innovativ, weltgewandt und erfolgreich», was man eben daran sieht, dass er einen Audi Q5 fährt.
Nun sind auch noch die ansonsten allem Kommerziellen gegenüber sehr misstrauisch gestimmten Schweizerischen Tonkünstler mit ihrem Tonkünstlerfest unter die Fittiche von Lucerne Festival geschlüpft (ein Codex-flores-Bericht dazu findet sich hier). Etwas vom internationalen Glamour des Anlasses soll auch auf sie ausstrahlen.
Dahinter steckt ja durchaus keine dumme Überlegung: Der Anlass, der sonst weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statfindet, erhält so mehr Aufmerksamkeit, und die Schweizer Förderer können ihn nutzen, um extra eingeladenen Verantwortlichen ausländischer Neue-Musik-Festivals zu zeigen, was sie vielleicht auch noch programmieren könnten.
Unter dem Stichwort Public-Private-Partnership wird da eifrig an einer Internationalisierung und Privatisierung des Schweizer Musiklebens gewerkelt. Das geht solange gut, wie die Wirtschaft von der Politik an der langen Leine gelassen wird. Unproblematisch ist das nämlich nicht, denn mit privaten Sponsorengeldern finanzierte Grossanlässe der Hochkultur funktionieren nur, wenn darin keiner ein Problem potentieller Korruption sieht.
Das ist keineswegs trockene Theorie, wie die Salzburger Festspiele erfahren mussten. Wegen eines neuen, mittlerweile wieder ziemlich entschärften österreichischen Antikorruptionsgesetzes drohte die ganze Sponsorenstruktur des Anlasses auseinanderzubrechen. Geschenke im Wert von über 100 Euro an «öffentlich Bedienstete und Manager von rechnungshofgeprüften Firmen» wären da als Bestechung ausgelegt worden. Da wäre kein Spielraum mehr gewesen für Freikarten zum Festival an gute Kunden.
Dass Österreich überhaupt solche Regelungen ins Auge gefasst hat, ist ja auch ein Hinweis darauf, dass das ganze System irgendwo doch recht problematisch ist. Peinlich für die Kultur ist dabei vor allem, dass nicht Bedenken künstlerischer Art und der interesselosen Freiheit der Kunst da einen Riegel zu schieben versucht haben, sondern politische Sorgen um die Bestechlichkeit von Wirtschaftsvertretern. Muss man daraus schliessen, dass die Ökonomie mittlerweile die höheren moralischen Standards hat als die Kunst? (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
