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29.10.2010 — Peter Studer, der Präsident des Schweizerischen Kunstvereins, wird zur Zeit nicht müde, die Preisgabe der Privilegien der Eidgenössischen Kunstkommission in der Umsetzung des Kulturförderungsgesetzes (KFG) zu beklagen. In der Sendung «Reflexe» von Radio DRS2 erklärte er am 15. Oktober, die Kommission habe, «bis zurückgehend ins vorletzte Jahrhundert sehr gut gearbeitet». Bei der Landwirtschaft und beim Strassenbau sei es selbstverständlich, dass das Geld für nötige Aufgaben bereitgestellt werde, in der Kultur sei der Bundesrat aber «kleinmütig und geiznäpperisch». Die Kunstkommission müsse «für ihren Erfolg bezahlen». Dafür pfropfe «die Kulturbürokratie des Bundes» ihrer Förderung auf Kosten der andern wichtigen Kulturaspekte die transversalen Themen «digitale Kultur» und «lebendige Traditionen» auf.
In der NZZ vom 27. Oktober 2010 wiederholt er diese Vorwürfe, zum Teil fast wörtlich. Mit Blick auf die lebendigen Traditionen erklärt er überdies, dies sei ein «Hobby der SVP», welches das Parlament nicht einmal habe hervorheben wollen.
Das tönt alles stark nach der Denkungsart der Beharrlichen. Mehr noch: Studer zeichnet da ein tendenziöses, polemisches Bild der Dinge. Von einem ehemaligen Chefredaktor des Schweizer Fernsehens und Präsident des Presserates würde man das nicht erwarten.
Die Bundesräte Couchepin und Burkhalter, betont Studer, hätten sich beeilt zu versichern, Kultur werde auch mit dem neuen Kulturförderungsgesetz keinen Rappen mehr kosten. Das ist nur die halbe Wahrheit. Hält man sich vor Augen wie im Kulturbereich in Ländern wie Grossbritannien, Deutschland oder Italien der Rotstift angesetzt wird, ist es bereits ein grosses Verdienst, dafür gekämpft zu haben, dass hierzulande (wie in Österreich) mit den gleichen Mitteln weitergearbeitet werden kann wie bisher. Und würde man die Schweizer Bauern fragen, ob sie vom Bund im Gegensatz zur Kultur ausreichend versorgt werden, würde ihre Antwort wohl auch anders ausfallen als dies Studer suggeriert.
Auch für das Aufgleisen nationaler Schwerpunkte zur digitalen Kultur und den lebendigen Traditionen gibt es eine andere Lesart: Wenn sich die Kulturschaffenden und ihre Funktionäre in den Kantonen und Gemeinden vor allem auf Besitzstandswahrung kaprizieren und keine Visionen entwickeln, dann ist es dem Bund hoch anzurechnen, wenn er versucht, etwas in Bewegung zu bringen. Tatsächlich sind die transversalen Themen die Glanzpunkte des Kulturberichtes – und mit spröden 10 Millionen Franken im Vierjahresplan noch viel zu bescheiden alimentiert.
Studers Argumente sind ein Musterbeispiel von «das haben wir schon immer so gemacht, das haben wir noch nie so gemacht, da könnte ja jeder kommen». Mit Verlaub: Eine Kunstkommission mit über hundertjähriger Tradition ist eher Anlass zu Depressionen als ein Zukunftsprojekt. Auch an der ersten Nationalen Kulturkonferenz, zu der das Bundesamt für Kultur Kantons- und Städtevertreter zusammerief, offenbarten die Kulturfunktionäre zum Teil erschreckende Mängel an zukunftsgerichtem Gestaltungswillen und Ignoranz gegenüber neuen Formen und Medien des Kulturlebens.
Dass etwa Computerspiele (wie Comics) mittlerweile ein wichtiges Kulturgut sind, hat sich anderswo schon lange herumgesprochen. Aber auch ein Blick auf die lebendigen Traditionen wäre im Unesco-Kulturverständnis, auf das sich auch das KFG beruft, schon lange überfällig gewesen. Ein politisches Statement hat mehr eine Kultur-Nomenklatur abgegeben, die sich jahrelang weigerte, sich ihnen auch anzunehmen, als rechtsbürgerliche Kreise, die darauf pochen, dass auch diese Aspekte der kulturellen Identität ins Blickfeld der Bundeskulturpolitik geraten. Sie sind auch nicht nur Folge innenpolitischen Appeasements, sondern unumgänglicher Teil der Umsetzung der Unesco-Konvention zur kulturellen Vielfalt. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
