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Die kulturpolitischen Ereignisse des Jahres

Von Wolfgang Böhler

 

24.12.2010 — Wir finden Ratings und Hitlisten eigentlich Unsinn (auf unserer persönlichen Liste der dümmsten Dinge belegen sie einen Spitzenplatz). Es geht aber gegen das Jahresende zu, eine Zeit, in der sich Auf- und Absteiger und die «bedeutendsten so und so des Jahres» (meist in Zehnergruppen) wie die Schweinegrippeviren in den Rekrutenschulen vermehren. Wir machen also einmal eine Ausnahme und wählen – aus einer Liste, auf der sich auch die zehn überflüssigsten Uraufführungen, die zehn am schnellsten wieder in der Versenkung verschwundenen Gewinner des Bachmann-Preises und anderer Castingshows oder die fünf geschwätzigsten Intendanten des Jahres finden – diejenige, die uns am wenigsten sexy vorkommt: Die zehn wichtigsten kulturpolitischen Ereignisse des Jahres. Die Liste kriegen wir allerdings nur voll, weil wir auch ein paar kantonale Aufreger reinpacken.

Wir beginnen mit faktischen Nichtmeldungen und Übersehenem. Auf Platz zehn: Mit Patrimonium veröffentlicht das Bundesamt für Kultur ein umfassendes Buch über die Schweizer Denkmalpflege von 1950 bis 2000. Haben Sie’s gemerkt? Eben.

Platz neun müsste zu denken geben, macht’s aber nicht: Der Wirtschafts-Think-Tank Avenir Suisse wird zur Kaderschmiede der Schweizer Kulturpromotion. Sein Direktor Thomas Held wechselt zum Projekt Musikinsel Rheinau, seine Vizedirektorin Katja Gentinetta wird Redaktorin von Sternstunde Philsosophie des Schweizer Fernsehens. Der Nachwuchs in der Elite der nationalen Kulturdenker rekrutiert sich mehr und mehr aus dem Wirtschaftslobbying. Haben Sie’s gemerkt? Eben.

Platz acht ist eine Ilustration des Kantönligeists: Der Schweizer Kammerchor kann nicht mehr weiter existieren, weil sich die Kantone (respektive Städte) nicht auf eine gemeinsame Finanzierung eines Ensembles von nationaler Bedeutung einigen konnten.

Auf Platz sieben deshalb auch gleich noch ein kantonales Ereignis von exemplarischer Bedeutung: Die Schwyzer Kulturbeauftragte Rebekka Fässler wirft das Handtuch. Die rechtsliberale Kampfparole «Kultur ist Sache der Kultur» hat gesiegt. Der Kanton unterstützt zwar ausserkantonale urbane Kultur mit einem Millionenbeitrag, lässt aber die eigenen Kulturschaffenden im Regen stehen. Nicht im Geldregen.

Auf Rang sechs: Das Projekt Nagelhaus, ein Symbol für den Widerstand gegen die Staatsräson, wird vom Zürcher Stimmvolk bachab geschickt. Was soll man dazu sagen? Das Nein war wohl ein Symbol für den Widerstand gegen die Staatsräson. Der Hafenkran, ein anderes Zürcher Kiör-Projekt (Kunst im öffentlichen Raum) wird den gleichen Weg gehen – so man die Limmat als Bach bezeichnen will.

Mit Rang fünf, vier und drei geraten wir in den Dunstkreis der Filmförderung: Roman Polanski wird nicht an die USA ausgeliefert (5.), der Finanzierungskatastrophenfilm Sennentuntschi schafft’s ins Kino (4.). Den ersten Podestplatz (3.) belegt ein Einschnitt in der Filmförderung: Der selbsternannte Monsieur Cinéma Nicolas Bideau gibt seinen Rücktritt bekannt. Sein Konzept einer offensiveren und konfrontativeren Filmförderungspolitik ist gescheitert, muss man wohl sagen.

Auf dem zweiten Platz: der Rückzug der privaten Sponsoren aus dem Luzerner Projekt Salle Modulable. Er hat den Grundsatzdialog über öffentliche und private Kulturförderung angeregt – zumindest für ein paar Stunden.

An erster Stelle natürlich (tataaaa!!!): Die Verabschiedung des Schweizer Kulturförderungsgesetzes durch das Parlament. Es steht symbolisch für den Zustand der Schweizer Kulturpolitik: Da ist jetzt alles juristisch einfach ein bisschen besser abgesichert. Ansonsten machen wir weiter wie bisher. Prosit Neujahr. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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