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07.01.2011 — Der Schweizer Franken wird immer stärker, darunter leidet die Exportindustrie, und man kann sich an den Fingern abzählen, dass traditionelle helvetische Exportbranchen – etwa die Zubehörlieferanten der Auto- und Flugzeugindustrie – einen immer schwereren Stand haben werden. Da wird naheliegenderweise der Ruf nach dem einfachen Rezept einer Abwertung der Schweizer Währung laut. Wenn der Franken zu teuer wird, muss man ihn halt verbilligen. Dummerweise funktioniert das nicht. Wenn Schwingerkönig Kilian Wenger im Fliegengewichts-Boxen antreten will, erntet er auch nur ein müdes Lächeln.
Solider sind Massnahmen, die davon ausgehen, dass die Schweiz auf dem Weltmarkt künftig vor allem mit Produkten im Hochqualitätsbereich wird punkten können. Das hat ziemlich viel mit ästhetischer und kultureller Kompetenz zu tun. Hochklassige Produkte werden von hochgebildeten, einfallsreichen, innerlich freien und vielseitig interessierten Menschen hergestellt. Sie können aber sogar auch direkt aus der Kreativ- und Kulturwirtschaft stammen.
Wie sieht denn die ästhetische Aussenhandelsbilanz der Schweiz heute aus? Die Unctad, die Konferenz für Handel und Entwicklung der Vereinten Nationen, hat dazu die Zahlen: Zwischen 2000 und 2005, in der Periode, für die solche vorliegen, hat die Schweiz mehr Kulturgüter importiert als exportiert. Das Ungleichgewicht hat sich sogar noch stärker in Richtung Importe verschoben.
2005 erreichten die Einfuhren einen Wert von knapp 10 Milliarden Dollar, die Ausfuhren 6 Milliarden. Die Schweiz unterscheidet sich da etwa von Deutschland, das sich in dieser Periode von einem Kulturimport- in ein Kulturexportland gewandelt hat – für Frankreich ist’s gerade umgekehrt. Österreich ist (trotz Mozartkugeln) ebenfalls ein Kulturimportland geblieben, Italien hingegen war und blieb ein starker Kulturexporteur.
Erfreulich ist für die Schweiz, dass die Kulturexporte absolut gesehen zugenommen haben: Sie beliefen sich 2000 auf gut 4 Milliarden Dollar, 2005 auf 6 Milliarden Dollar. Das ist laut Bundesamt für Statistik etwa gleich viel wie die Kunststoffindustrie ins Ausland verscherbelt und dreimal soviel wie die Textilindustrie und zwölfmal soviel wie die Käsehersteller. Kulturgüter sind ein Exportfaktor und dürften es mit dem starken Franken noch vermehrt werden.
Kultur, suggerieren die Massenmedien, scheint darin zu bestehen, immer wieder eine neue Sau durchs Dorf zu treiben und alles ausser der neusten Mode als sowas von Out zu betrachten. Seriöse Kulturschaffende wissen, dass das Blödsinn ist. Ein neues Buch, eine neue Inszenierung oder frische Ideen in der bildenden Kunst und in Design sind bloss Bausteinchen eines sich kontinuierlich, aber nicht sprunghaft verändernden Kulturlebens. In der Kultur werden wie in der Natur keine Sprünge gemacht, es sei denn solche der Freude – ab und zu.
Dasselbe gilt für die Wirtschaftsstruktur eines Landes. Die Schweiz wird nicht von heute auf morgen von einem Industrie- und Finanzplatz zum Weltzentrum der Kreativwirtschaft (schade eigentlich). Tendenziell dürfte letztere aber im Mix der Branchen in unserem Land in naher und mittlerer Zukunft eine wichtigere Rolle spielen – und möglicherweise gar einen strategischen Beitrag zum materiellen Wohlergehen und zur globalen Wettbewerbsfähigkeit leisten. Scheinbar von alleine bewegen sich hierzulande allerdings bloss Tinguelys Maschinen. In der Politik müssen Interessierte nach wie vor schon selber Hand anlegen. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
