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21.01.2011 — Die Musik – um es spartenübergreifend zu formulieren – spielt auch in der Filmförderung in den Kommissionen. Da verstärkt sich unser Verdacht, dass die eigentlichen Hauptquartiere der Kulturförderung unterhalb des Radars der öffentlichen Debatte angesiedelt sind. Das zeigt sich einmal mehr in den aktuellen Kontroversen um die Eidgenössische Filmkommission. Bundesrat und Bundesamt für Kultur haben da weitgehend freie Hand: Im Filmgesetz steht (Art. 25) der Bundesrat setze eine Eidgenössische Filmkommission ein, deren Zusammensetzung er auch selber bestimme. Das Departement (des Innern) setzt Fachkommissionen ein. In der Filmverordnung (Art. 18) steht, die Filmkommission vereine «Fachleute aus den Bereichen Filmschaffen, Verbreitung von Filmen, Aus- und Weiterbildung, Archivierung und Filmkultur.» Die Kulturbehörden der Kantone sowie die Pro Helvetia seien mit je einem Mitglied vertreten.
Dass die Zuammensetzung der Kommissionen politisch brisant ist, hat sich diese Tage gezeigt, weil Branchenkenner den Verdacht hegen, sie werde als politisches Steuerinstrument missbraucht. In der «Neuen Zürcher Zeitung» wirft der Filmemacher Samir dem abtretenden Filmverantwortlichen des Bundes Nicolas Bideau vor, ohne Absprache mit den Filmverbänden eine Filmkommission von seinen Gnaden eingesetzt zu haben.
Im Dezember haben gleich drei der fünf Mitglieder der Filmkommission gekündigt, weil sie mit einem neuen Schlüssel zur Zusammensetzung des Gremiums nicht einverstanden sind. Einer der zurückgetretenen beklagte sich in der «Sonntagszeitung», das sei keine Expertenkommission mehr, sondern ein politisches Gremium, in dem jeder nur die Interessen seines eigenen Verbandes verfolge.
Über die Subventionen für die Filmfestivals wiederum entscheidet eine Expertenkommission aus genau zwei (!) Personen – ein Filmkritiker, Martin Waldner, und die Produzentin Elena Tatti – die in einem nicht anders als politisch zu wertenden Entscheid Locarno gegenüber Zürich überdeutlich bevorzugt. Weshalb gerade die zwei? Und wer hat sie ernannt? Auf wessen Empfehlung? Gab’s Alternativvorschläge? Wer wusste davon, dass eine Expertenkommission personell besetzt wird? Wer konnte sich bewerben? Aus welchen Gründen?
Es geht hier nicht darum, die personellen Entscheide und die Sachentscheide der Experten in Frage zu stellen. Es gibt dafür sicherlich gute Gründe – vor allem für einen eher vorsichtigen Kurs gegenüber dem auf Glamour und Publikumswirkung zielenden Zürcher Filmfestival, für das man eher Wirtschafts- als Kulturfördermassnahmen schaffen müsste. Die allerdings hätte es zweifelsohne verdient.
Das grundsätzliche Problem ist eine seltsame Assymmetrie in der Kulturförderpolitik: Mittlerweile dürften sich alle einig darüber sein, dass es eine objektive, gerechte und inhaltlich nachweisbar richtige Kulturförderung nicht geben kann. Das liegt im Wesen der Sache: Dort wo experimentiert werden soll, kann die Wirkung eben nicht vorweggenommen werden.
Wer also faktisch über die Verteilung der Fördergelder bestimmt, müsste eine hochpolitische Angelegenheit sein. Über Klein- und Kleinstbeträge in der Förderung wird parlamentarisch ständig gestritten, die Wahl- und Ernennungsprozedere der Kommissionen und Expertengruppen sind hingegen der Politik, der demokratischen Meinungsbildung und dem Diskurs um Macht und Steuerung weitgehend entzogen.
Das führt im besten Fall dazu, dass die strategischen Schaltstellen der Kulturförderung mit anregenden und kompetenten Persönlichkeiten besetzt sind, die (irreführenderweise) plausibel machen können, ihre Förderstrategie sei die einzige richtige. Im weniger günstigen, aber allzu häufigen Fall finden sich in diesen Kommissionen Vertreter der zweiten Garnitur oder Personen, die andere Motive für ihre Arbeit haben als ein engagiertes Einstehen für die Anliegen der Kultur. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
