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04.02.2011 — Die Kommission für Rechtsfragen des Ständerates hat sich mit der Volksinitiative «Für Geldspiele im Dienste des Gemeinwohls» beschäftigt und empfiehlt dem Parlament, einem Gegenentwurf des Bundesrates zu folgen. Vorgeschlagen werden laut offizieller Mitteilung der Bundesversammlung «Lösungen, um die in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Geldspiele zwischen Bund und Kantonen aufgetretenen Kompetenzkonflikte zu regeln». Das tönt alles ziemlich technisch, und man kann sich fragen, was das mit Kulturförderung zu tun hat. Ziemlich viel. Und es gibt Gründe genug, darüber beunruhigt zu sein.
Die Lotteriefonds, um die es da geht, decken die Kulturausgaben in der Schweiz zu fast einem Drittel. Es ist zwar absurd, dass die Finanzierung von Kulturprojekten mit Zockerei von Spielsüchtigen in Casinos und Sportwetten sichergestellt wird. Aber dass die Art der Alimentierung staatlicher Ausgaben manchmal ziemlich schräg anmutet, daran muss man sich in modernen Demokratien gewöhnen. Schliesslich berappen Nikotinsüchtige ja auch einen Teil der Altersrenten. Und wir wollen jetzt nicht allzusehr graben, um noch schizophrenere Querfinanzierungen freizulegen (etwa in Strassengräben und Bahntrassees…)
Das System hat allerdings Vorteile: Den Gamblern ist es herzlich egal, welchen Kunst- und Kulturprojekten sie mit jedem Kreuzchen auf dem Totto-Schein auf die Beine helfen. Sie sind in gewisser Hinsicht die im kantischen Sinn am radikalsten interesselosen Kunstmäzene. Das ist gut und schlecht zugleich: Man kann deshalb nämlich auch nicht mit ihrer Solidarität rechnen. Sie werden ihre Spielleidenschaft künftig mehr und mehr in Onlinespielen und ausländischen Casinos ausleben und damit den Geldfluss für die Kultur mehr und mehr versiegen lassen – Pipilotti Rist hin, Fischli/Weiss her.
Und wodurch werden die Ausfälle ersetzt? Durch vermehrten Rückgriff aufs Sponsoring? Sponsoren sind allerdings nicht so interesselos wie Glücksspieler. Sie suchen sich die Projekte, die sie unterstützen wollen, auch aufgrund von Eigeninteressen und inhaltlicher Überlegungen aus (sie müssen «zu ihnen passen»).
Solche zu erwartenden Verschiebungen in der Schweizer Kulturfinanzierung beschäftigen auch das jährliche Klassentreffen öffentlicher und privater Kulturförderer – das Forum Kultur und Ökonomie nimmt sich im März in Neuenburg auch die Rolle der Lotterien in der Kulturförderung der Schweiz zur Brust. Dazu äussert sich in einem Referat unter anderem Sabine Pegoraro. Die Basler Regierungsrätin ist Präsidentin der Fachdirektorenkonferenz Lotteriemarkt und Lotteriegesetz. Aus den Niederlanden reist gar Tjeerd Veenstra an, der auf europäischer Ebene mit ähnlichen Aufgaben betraut ist.
Das kommt nicht von ungefähr: Die interesselose Kultur-Querfinanzierung durch Lottogelder und andere unkonventionelle Staatskässeli wird mehr und mehr ersetzt durch sogenannte Public Private Partnerships (PPP), oder um es weniger Neudeutsch auszudrücken, das politisch unkontrollierte Zusammenstrecken der Köpfe von privaten Interessegruppen und Staatsfunktionären zwecks Verteilung von Geldern an Künstler und Kulturschaffende.
Das Sponsoring bestimmt damit mehr und mehr die Agenda der Kulturförderung. Einen gewichtigen Anteil an den Sponsoringaktivitäten haben Finanzinstitute und Grosskonzerne. Deren Erwartungen an gesponserte Kulturaktivitäten decken sich allerdings nur sehr bedingt mit denjenigen der Gesponserten: Banken wollen Sicherheit, Planbarkeit und messbaren Return on Investment. Kunst will spielen, überraschen und scheitern können.
Ohne dass eine staatspolitische Grundsatzdiskussion die Regeln bestimmte, wird in (un)heimlicher Art die implizite Steuerung des Kulturlebens von Partikularinteressen eines Teils der Privatindustrie übernommen – nicht zuletzt von den Banken, die als Hochburgen der als Abzocker diskreditierten globalen Finanzexperten-Kaste in Verruf geraten sind.
Abzocker statt Zocker. Was für eine Alternative für die Kulturförderung. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
