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11.03.2011 — Es ist eines unserer Lieblingsthemen: die Frage, wie Kulturfördergremien zusammengesetzt werden und nach welchen Kriterien sie faktisch entscheiden. Man kann schliesslich noch so schöne Theorien, Leitbilder, Grundsätze und Konzepte auf Papier bringen – am Schluss zählt der individuelle Förderentscheid, und der fällt halt nun einfach mal in den entsprechenden Kommissionen, Stiftungsräten oder so. In Tat und Wahrheit fühlen sich angesichts der realexistierenden Verhältnisse offenbar alle irgendwie unbehaglich, der Gasdruck steigt. Der heisse Brei wird zwar noch nicht wirklich gelöffelt, aber den Löffel stecken einige doch schon mal rein.
Im Rahmen der Solothurner Filmtage hat der Filmemacher Samir ein Konzept von Filmverbänden vorgestellt, das vorschlägt, Kommissionsmitglieder (nur mit Blick auf die Filmförderung natürlich) immer bloss für eine einzige Sitzung zu wählen. Das würde dazu führen, so Samir, dass auch hochkarätige Fachleute bereit wären, in Kommissionen mitzuarbeiten. Diese scheuten nämlich in der Regel den Aufwand solcher Engagements (im Umkehrschluss muss man davon ausgehen, dass die heutigen Filmförder-Kommissionen bloss von zweiter Garnitur besetzt sind und damit die zweite die erste evaluiert – auch nicht ein wirklich befriedigender State of the Art of Geldverteilung).
Am Forum Musikalische Bildung in Baden hat der Kulturmanager und frühere Expo02-Chef Martin Heller im Januar für eine Vielfalt der Förderstrukturen plädiert: ein ganzes Instrumentarium an Giesskannen, Tröpfelleitungen und so weiter, einfach etwas ganz anderes als die normalen Konzepte. (Die Differenz pflegt auch er zu praktizieren: Als Leiter der Europäischen Kulturhauptstadt Linz hat er sich autokratische Entscheidungsgewalt ausbedungen – die bekennende demokratische Fördervielfalt ist offenbar das Kind eines passionierten Kulturvögtleins. Vielleicht ist Heller als neuer Leiter des vornehmen Humboldtforums in Berlin deshalb ja nun vornehmlich in preussischen und nicht in Schweizer Kulturdiensten).
In einem Interview mit dem Tagesanzeiger (oder der Basler Zeitung? oder war’s mit der Berner Zeitung? Wie kann man das heute noch wissen?) hat sich Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel etwas von seiner Idee eines Intendantensystems anstelle von Kommissionen gelöst, das politisch in der Schweiz kaum durchsetzbar wäre. Er schlägt dafür vor, die Förderverantwortung gleich ganz an die subventionierten Kultureinrichtungen zu delegieren. Die Kommissionen sollten sich dafür mehr auf «die Arbeit am Gesamtbild, an der Übereinstimmung von sozialer Realität und geförderter Produktion zurückziehen» können.
In der Februarnummer des Kulturmagazins Ensuite wiederum empört sich der Kulturjournalist Lukas Vogelsang darüber, dass «in jeder Stadt eine andere Praxis angewandt» werde. Jede Kultursubventions-Institution mache, was ihr beliebe. Das missfällt auch einigen Kulturverbänden. Sie fordern eine Vereinheitlichung der Fördersysteme. Dagegen wendet sich Knüsel in dem erwähnten Interview explizit.
Ja, was nun? Gerne möchte man da Goethe etwas verballhornen: Da steh’n wir nun, wir arme Toren/Und sind so klug als nie zuvoren.
Möglicherweise gibt’s für die Frage, wie Fördergremien zusammengestellt werden und wie sie entscheiden, vor allem eine negative Regel: Sie sollte in erster Linie verhindern, dass sich Routine einschleicht und sich geschlossene Gesellschaften oder Filz ausbilden. Das alleine dürfte schon eine herkulische Aufgabe werden. Ansonsten verweisen wir auf einen bewährten eidgenössischen Usus: Probiere geit über Studiere. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
