Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Wieviel Geld braucht die Kulturförderung?

Von Wolfgang Böhler

 

03.06.2011 — In den letzten Jahren hat sich bei uns ein Verdacht verdichtet, um es mal etwas kalauernd auszudrücken, aber mit durchaus ernstem Hintergrund: Die Kulturförderung wird von der Politik am immer kürzeren Gängelband geführt, und es wird von ihr immer dringlicher verlangt, dass sie sich mit Rentabilität rechtfertigt: Kultur muss sich lohnen, Kunst, die edle, ach so zweckfreie, muss etwas bringen! (Was auch immer…) Demgegenüber hat sich in der Wirtschaft, in der angeblich knallhart auf Gewinne gewettet wird, die Einsicht durchgesetzt, dass Ausgaben in Forschung und Entwicklung von Produkten der eigentliche Motor einer gesunden Unternehmensentwicklung sind – und dass dabei verliert, wer Milchbüchleinrechnungen macht.

Mit andern Worten: die Kunst der verschwenderischen Fülle an Ressourcen für kreative Ideen und die Bereitschaft, Geld, manchmal viel Geld, mal einfach so auf Zusehen hin in die Entwicklung von Produkten zu stecken, die möglicherweise oder sogar sehrwahrscheinlicherweise nie auf den Markt kommen, beherrschen heute die grossen Konzerne, wohingegen die Kulturförderung mehr und mehr von kleingeistigen Controllern, Rappenspaltern und «Geiz ist geil»-Apologeten mit dem Esprit von Fausts Schüler Wagner (Sie wissen schon: was man Schwarz auf Weiss etc…) geknüttelt wird.

Die eindeutig unverdächtige Deutsche Bank liefert dazu die Zahlen: Wie gross ist der Anteil der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung (F&E) am Gesamtbudget in grossen Unternehmen? Bei einem Umsatz von 30,8 Milliarden Euro hatte die Pharmafirma Roche 2009 etwa ein F&E-Budget von 6,4 Milliarden Euro, das sind 20 (!) Prozent. Bei Nokia waren es knapp 10 Prozent, bei Microsoft 15 Prozent, bei einem traditionellen Autobauer wie Volkswagen immerhin auch noch rund 5 Prozent. Die durchschnittliche F&E-Intensität (F&E-Ausgaben im Verhältnis zum Umsatz) der von der Deutschen Bank betrachteten börsenkotierten Unternehmen betrug 2009 3,7 Prozent.

Man kann Kunst und Kultur als die F&E-Abteilung eines Landes betrachten (der Vergleich ist zugegebenermassen etwas schief, aber nichtsdestotrotz erhellend). An das Geld, das in der Wirtschaft für Innovation ausgegeben wird, kommen die entsprechenden Aufwendungen nicht annähernd heran: Der Anteil der Kulturausgaben am Geamtbudget des Bundes beläuft sich in der Schweiz zur Zeit auf rund 0,4 Prozent. Kantone schaffen’s (mit Kulturfördergesetzen wie im Aargau) bis auf 1 Prozent. Mit leicht näselnder Stimme würde der unvergleichliche Volksschauspieler Theo Lingen da wohl seufzen: Traurig, traurig, traurig.

Das Benchmarking müsste vor allem denen zu denken geben, die Staaten in einer reduzierten ökonomischen Sichtweise als Unternehmen betrachten. Sie erwarten von ihnen betriebswirtschaftliches Verhalten. Ja, dann stocken wir mal das Kulturbudget auf – mindestens um das Neunfache, um nur mal den Durchschnittswert der F&E-Ausgaben eines modernen Unternehmens zu erreichen.

Die Moral von der Geschicht‘? In den grossen, gnadenlos auf Gewinn getrimmten Unternehmen findet man heute mehr Offenheit, Free Spirit, Wissen um die Bedeutung grosszügiger Alimentierung auch scheinbar verrückter Ideen und Zukunftsoptimismus als in der staatlichen Kulturförderung, die per se davon ausgeht, dass sie in die Kunst investiertes Geld à fonds perdu verteilt. Irgendetwas läuft da schief. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

Schreibe einen Kommentar