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Kunst und Religion III: Musik und Kirche

Von Wolfgang Böhler

 

29.07.2011 — Wer heute über das Verhältnis von Kunst und Religion nachdenkt, kommt an einem Thema natürlich nicht vorbei: religiöse Kunst, respektive – wenn’s um die Musik geht – Kirchenmusik. Diesen Mai hat das Päpstliche Institut für Kirchenmusik sein 100-Jahre-Jubiläum gefeiert, und der Papst hat sich zu diesem Anlass in einem Brief gegenüber Zenon Kardinal Grocholewski, dem Grosskanzler des Institutes, über seine Vorstellungen zur Kirchenmusik geäussert. Die Grussnote ist überaus wolkig formuliert. Man weiss, dass Benedikt mit modernen und populäreren Formen des Musizierens seine liebe Mühe hat. Allerdings scheint er sich zu hüten, sich da allzusehr auf die Äste hinaus zu lassen.

Religiöse Interessensvereinigungen laden musikalische Formen und Äusserungen nicht nur mit ästhetischen, sondern auch mit moralischen Werten auf. Das führt immer wieder zu Konflikten. Etwa als vor einigen Jahren in Augsburg Würdenträger in katholischen Kirchen Auftritte nichtchristlicher Ensembles unterbanden, oder als das tschechische Bistum Brünn die Aufführung von Werken Mahlers in der Kirche verhinderte.

Weitaus drastischer sind Verbote in Staaten ohne klare Trennung religiöser und politischer Führung. Da können gar Feldzüge gegen Musik überhaupt geführt werden. So hat Irans oberster Geistlicher vor einiger Zeit bekräftigt, dass Musik «mit den Werten der islamischen Republik Iran unvereinbar» sei.

Letztes Jahr hat die islamistische Gruppe Hizbul Islam, die grosse Teile Somalias kontrolliert, den privaten Radiostationen in der Hauptstadt Mogadischu untersagt, Musik zu senden. Und im von den Taliban kontrollierten Nordosten Pakistans sind vor zwei Jahren Mitglieder einer Musikgruppe demonstrativ ermordet worden. Perfid waren Attentäter in der Gegend, die vorgaben, eine Tänzerin als Künstlerin engagieren zu wollen. Sie erschossen sie und stellten die Leiche öffentlich aus.

Es ist gut, wenn religiöse Gruppen keine Definitionsmacht über die Musik mehr haben können. Die typisch religiöse Verbindung von Emotion, Werten und Regeln hat allerdings im Lauf der Jahrhunderte in der Musikgeschichte auch eine starke formbildende Kraft gehabt. Man denke an Monumente wie das Messe-Ordinarium, das System der Ragas in Indien, die Rhythmen der afroamerikanischen Religionen in Brasilien oder Kuba, das Shakuhachi-Repertoire in Japan oder die arabischen Maqam.

Dazu fehlen heute säkulare Pendants. Musiktheorie ist zur ausdrucksbereinigten Strukturtheorie reduziert worden. Möglicherweise wäre der aus dem Blick geratene Zukunftsweg der Musik, die nicht mehr wahrnehmbare Weiterentwicklung der klingenden Kunst in der Formulierung einer weltlichen (und wissenschaftlich fundierten) Systematik der Emotionalität zu finden? (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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