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12.08.2011 — Was für Konsequenzen hat der zu starke Franken für die Kultur- und Kreativwirtschaft in der Schweiz? Kurzfristig leidet die Kulturwirtschaft, langfristig steigt die Bedeutung der Kreativen. Die Kulturwirtschaft – vor allem die Festivalveranstalter in Sachen klassischer Musik – dürften ähnlich wie die Hotellerie einen Rückgang ausländischer Gäste verzeichnen (die Bilanzen der laufenden Sommerfestivals wird darüber Klarheit bringen. Die Festivals sind ja in gewisser Hinsicht Teil der stark leidenden Exportbranche, die ihren Umsatz paradoxerweise im Inland generiert. Statt dass sie zu ausländischen Kunden gehen würde, kommen diese zu ihr). Ein Festival- oder Theaterbesuch in der Schweiz dürfte für Deutsche, Briten und andere beliebte Stammgäste heuer wesentlich teurer ausfallen – von den Amerikanern und anderen in Dollar rechnenden Globetrottern ganz zu schweigen.
Langfristig kann die gesamte Kreativwirtschaft einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die nationalökonomischen Folgen des starken Frankens abzufedern. Es dürfte nämlich zu einer weiteren Welle der Deindustrialisierung des Landes kommen, die irgendwie kompensiert werden muss. Die Produkte der Schweizer Kreativwirtschaft finden sich in hochqualitativen Nischenmärkten, in denen der Preis nicht die Bedeutung hat wie etwa für einen Zulieferer der Automobilindustrie oder den Hersteller von Maschinenteilen.
Kreativwirtschaftler sehen sich zudem seit längerem vermehrt gezwungen, ihren Lebensunterhalt mit selbständiger unternehmerischer Arbeit zu verdienen. Sie sollten deshalb tendenziell fitter sein als der traditionelle KMU- und Grossunternehmens-Angestellte für das, was auf das Land zukommt.
Die Kultur- und Kreativwirtschaften stehen vor drei grossen und eng zusammenhängenden Herausforderungen, wenn sie ihren Beitrag zum Wohl des Landes unter veränderten globalen Marktregeln leisten wollen. Zum ersten müssten Unternehmen der Schweizer Kreativwirtschaft vermehrt lernen, in deutlich grösseren Dimensionen als bisher zu denken, und die in ihren Kreisen gerne gelebte, etwas eigenbrötlerische Genügsamkeit überwinden. Es gibt Chancen für Schweizer Firmen, sei es als Herstellerinnen erstklassiger Güter, sei es als Zuliefererinnen oder als Dienstleisterinnen, auf dem Weltmarkt mitzuspielen. Schweizer Qualität hat nach wie vor einen exzellenten Ruf. Und nicht nur das: Sie ist auch heute noch nicht einfach bloss Legende.
Letzteres hat ganz wesentlich mit dem dualen Berufsbildungssystem zu tun, das unschätzbare Ressourcen im handwerklichen und administrativen Bereich garantiert. Zum zweiten muss also dafür gesorgt werden, dass eine Berufskarriere über eine Berufslehre nach wie vor sexy bleibt. Für junge Schweizer Berufseinsteiger muss es genauso interessant sein, Feinmechaniker, Bäcker oder Maurer zu lernen wie ein BWL-Studium oder eine Schauspielschule zu absolvieren.
Das heisst, man muss die gesellschaftliche Hochachtung vor diesen Berufen wachhalten oder vitalisieren und für Durchlässigkeit der Strukturen sorgen. Ein erster Schritt dazu wäre, in den entsprechenden Verbänden aufeinander zuzugehen, statt sich als Antagonisten zu verstehen.
Drittens schliesslich muss man in der Kreativwirtschaft Berufskarrieren zum Normalfall machen, die nicht zwangsläufig in atypisch-prekären Arbeitsverhältnissen enden.
Der Franken ist stark, es gibt viel zu tun. Schade, dass von denen, die’s am meisten anginge, dazu gar keine Impulse kommen: von den Berufsverbänden, Gewerkschaften und Dachorganisationen der Kreativen. (cf)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
