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Trutzig – bis der Zug abgefahren ist

Von Wolfgang Böhler

 

09.09.2011 — Okay, wir wissen, dass es in der Schweiz einen Typus Politiker gibt, der es nicht für nötig hält, zur Kenntnis zu nehmen, wie in Europa Probleme gelöst werden, die auch wir haben. Begründen tut er das wahlweise damit, dass wir eh alles besser machen (was im einen oder andern Fall sogar zutreffen dürfte) oder – noch plumper – dass eine Auseinandersetzung mit den Denkmustern Europas früher oder später dazu führen muss, dass die Schweiz sich unter das Dach der EU stellt. Gott bewahre! Wehret den Anfängen! Na ja, da sind wir dann bald bei der berühmten Gefängnis-Rede Dürrenmatts.

Auf der andern Seite wird wohl kaum einer (schon nur, weil er politisch nicht Selbstmord begehen will), bestreiten, dass der durchschnittliche PIQ (Politische Intelligenzquotient) in Europa nicht tiefer ist als in den engen Grenzen der Confoederatio Helveticae. Da darf man mindestens nicht ausschliessen, dass auch dort anständig gearbeitet wird, und man riskiert möglicherweise, irgendeinmal europäisch ins Hintertreffen zu geraten, denn wir Eidgenossen kochen nämlich auch nur mit Wasser, im Fall.

Also, sag Europa, wie hast du’s mit den Kulturausgaben?

Wir haben Zahlen: An einem Forum in Turku hat das Netzwerk Eurocities die Fakten auf den Tisch gelegt. Die meisten Städte haben die Kulturbudgets nicht reduziert. Es gibt Metropolen, die sogar signifikant mehr Geld für Kultur aufwerfen als noch vor wenigen Jahren, Nantes etwa hat das Budget seit 2008 um 18 Prozent hochgeschraubt, Rotterdam immerhin noch um 3 Prozent. Es gibt natürlich auch die anderen Extreme, etwa Slowenien, das die Budgets um satte 38 Prozent beschnitten hat. Das tut natürlich weh.

Ein EU-Bericht weist aber auch auf eine generelle Herausforderung hin, vor der vor allem Länder in Zentral- und Osteuropa stehen: Wie legitimieren sich staatlich finanzierte Theater- und Opernhäuser gegenüber einer wachsenden, immer dynamischeren und originelleren freien Szene, die ihnen künstlerisch mehr und mehr den Rang abläuft? Was der Bericht nicht sagt, aber offensichtlich scheint: Die grossen Opernhäuser und Theater sind im Grunde genommen Auslaufmodelle, Relikte aus der Zeit stolzer Selbtsdarstellung eines staatstragenden Bürgertums, das so heute immer weniger Gewicht hat.

Der Bericht stellt denn auch fest, dass über die staatlichen Kulturbudgets zukünftig von wesentlich breiteren Kreisen entschieden wird als bisher. Wenn sich die subventionierte Kultur nicht vielfältigeren Ansprüchen öffnet, wird sie es schwer haben, für ihre Anliegen Mehrheiten zu finden.

Der Bericht weist auch darauf hin, dass eine nicht geringe Zahl staatlicher und städtischer Regierungen der EU sich in Sachen Kulturförderung antizyklisch verhalten, weil sie sich bewusst sind, dass «eine vielfältige und produktive kulturelle Umgebung Entscheidendes dazu beitragen kann, die gegenwärtigen Herausforderungen der Zivilgesellschaft und der Ökonomie» zu bewältigen».

In der Schweizer Politik scheint s’Zwänzgi da noch nicht wirklich gefallen zu sein. Der Ständerat und die zuständige Kommission des Nationalrates bleiben offenbar stur dabei, Heimat- und Denkmalschutz etwas mehr Geld zuzuschieben und die Zukunftsprojekte der Kulturschaffenden nicht richtig in Gang kommen zu lassen. Die Schweiz ist so auf dem Weg zum bluemete Trögli ohne Zukunftsprojekte. Kann sie sich das noch leisten? (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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