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21.10.2011 — Kommenden Januar beginnt mit der Umsetzung der ersten Kulturbotschaft eine neue Epoche in der Schweizer Kulturpolitik. Zugleich nimmt nach den Wahlen dieses Wochenendes ein neues Parlament seine Arbeit auf. Was erwarten wir von den frischen Mann- und Frauschaften in den eidgenössischen Räten? Es stellen sich Herausforderungen, die ins Innerste des Schweizer Kulturverständnisses führen. Es sind vor allem drei Baustellen: Nationale Kohäsion, die Stärkung der gewerblich-handwerklichen Kultur und Perspektiven für zukunftsfähige Wirtschaftsbranchen, die eher den Regeln der Kreativwirtschaft folgen als denjenigen der klassischen Finanz- und Maschinenindustrien.
Die nationale Kohäsion – der innere Zusammenhalt der Nation – lockert sich sowohl vertikal wie auch horizontal: Die Sprachregionen entfernen sich immer mehr voneinander, das Interesse aneinander sinkt, fatale Gleichgültigkeit und Uninformiertheit macht sich breit. Eine kulturelle Initiative müsste darauf abzielen, die gegenseitige Neugier wieder anzuregen. Es muss attraktiver werden, eine zweite oder dritte Landessprache zu lernen, und für traditionelle «Austauschprogramme» – gemeinsamer Militärdienst und Au-pair-Aufenthalte –, die früher so viel zu Begegnungen über die Sprachgrenzen hinaus beigetragen haben, müssen moderne Pendants gefunden werden. Der Kulturaustausch dürfte da eine strategische Rolle spielen.
Aber auch vertikal kommt es zur Entsolidarisierung. Dabei ist nicht nur die vielzitierte Schere zwischen Reich und Arm, die sich immer mehr öffnet, eine Gefahr. Fast bedrohlicher scheint die schleichende gesellschaftliche Abwertung nichtakademischer Berufe. Dabei hat unser Land seinen Wohlstand wesentlich einer stolzen Handwerker- und Gewerblertradition zu verdanken. Sie ist eng mit dem traditionellen Vereinswesen verbunden. Es müssen Modelle gefunden werden für eine soziale und kulturelle Identität, die auch für Junge attraktiv sind und die ihnen Perspektiven öffen.
Mit andern Worten: Es muss wieder mindestens so attraktiv werden, Metzger, Maurer oder Gärtner zu lernen, wie eine KV-Lehre oder eine Hochschulausbildung zu absolvieren. Den Schlüssel dazu liefern Möglichkeiten lebenslanger Weiterbildung, soziale Durchlässigkeit und eben auch eine hohe Wertschätzung handwerklicher und gewerblicher Kultur.
Daneben muss sich die liberale Mitte in der Politik endlich bewegen. Vor einiger Zeit haben die Freisinnigen die Weichen fundamental falsch gestellt. Statt als «liberales Original» die Kernaufgabe einer Integration von Meinungsvielfalt, Vorwärtsdrängenden und Bewahrenden und der Fülle von Lebensentwürfen zu verfolgen, hat die Partei ihren linken Flügel gelähmt, sich unter dem fatalen Motto «die Reihen schliessen» auf eine wenig zukunftsfähige rechtsbürgerliche Position zurückgezogen und sich vornehmlich auf Strukturerhaltung kapriziert.
Das ist unliberal. Liberalismus bedeutet, immer und immer wieder und immer neu für eine Vielfalt von Positionen und Ideen zu kämpfen – auf der Basis der Prinzipien der Selbstverantwortung, Leistungsbereitschaft und dem sorgfältigen Umgang mit den Ressourcen, nicht nur, aber auch der finanziellen.
Die Folgen des Versagens der Liberalen sind bereits sichtbar: Die Aufbruchstimmung in Sachen ökologischer Wirtschaft, die noch in den 1990er-Jahren zu spüren war, ist erlahmt, die führende Position des Landes etwa in Sachen Sonnenenergie ist verloren gegangen. Die Kreativwirtschaft, die ebenfalls wichtige Impulse zu einer Erneuerung der Schweizer Wirtschaftsstruktur geben könnte, wird praktisch ignoriert. Dafür wird intensiv für Finanzwirtschaft, Grosskonzerne in der Pharmabranche und traditionelle Industriezweige lobbyiert.
Die grösste Herausforderung der nächsten Jahre dürfte angesichts der Schwächung des Finanzplatzes und einer fortschreitenden Deindustrialisierung des Landes in Impulsen für eine noch grössere Vielfalt der Wirtschaftsbranchen und ihrer gegenseitigen Befruchtung liegen.
Und was erwarten wir von den Kulturschaffenden? Neben dem Lobbying für die eigenen Interessen – Stärkung der sozialen Sicherheit, mehr Macht und Kompetenzen in den Förderstrukturen – intensiveren Einsatz für die Sache selber. Da gälte es, Politiker vor allem dafür zu sensibilisieren, dass gelebte Kultur nicht in erster Linie Heimatschutz und Unterstützung für Museen und Archive, also das Halten der Asche bedeutet, sondern das Weitergeben der Flamme, wie dies Thomas Morus so treffend ausgedrückt hat: Freiräume und Infrastrukturen für die Lust am Ausprobieren, Tüfteln, Neuland erobern, neue Horizonte suchen und dabei auch immer wieder Scheitern dürfen. Dafür gilt es einzustehen. (cf)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
