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04.11.2011 — Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Ausgerechnet die Bundesstadt Bern (für alle ausländischen Leser: nicht Zürich oder Genf, sondern Bern ist die Schweizer Bundesstadt) ist bei der Definition nationaler Metropolitanregionen zu einer Art urbanem Bermudadreieck degradiert worden. Ja nicht ausstrahlen und kulturelle Identität sichtbar machen soll die Hauptstadt – wie dies in unseren Nachbarländern Rom, Paris, Wien und Berlin tun. (Vaduz lassen wir mal beiseite; es gab überdies eine Zeit, da war das in Deutschland auch noch anders – Bonn ist ja nun nicht gerade der Nabel des deutschen Kulturleibes, auch wenn die Stadt ein knorriges Genie wie Beethoven gezeugt hat. Tempi passati.)
Bern hat also ein dreifaches Problem: Zu ersten repräsentiert die Stadt keine dynamische und aufstrebende Wirtschaftsregion, sondern eine Agrargesellschaft, der noch etwas Stallgeruch des Ancien Régime anhaftet. Zum zweiten hindert der förderalistische Reflex jegliche Ansätze zur Delegation von Repräsentationsaufgaben an den Bund. Und schliesslich ist Bern eben auch nicht grossstädtische Metropole, die als Schmelztiegel automatisch zum Kulturzentrum würde. Es ist ein Kaff. Das sagt nicht der Schreibende, das hat er einen bedeutenden bernischen Musiker (einen sehr bedeutenden, sehr bernischen Musiker) hören sagen. Es ist O-Ton. Grosses Bergler-Ehrenwort.
Was nationale Kulturen angeht, gibt’s ein Huhn-Ei-Problem: Verkörpert Wien österreichische Kultur oder ist österreichische Kultur nicht letztlich das Produkt der Metropole Wien? (In den letzten zwei Sätzen ersetzt man salva veritate «Wien» durch «Berlin», «Rom» oder «Paris».) Wenigstens diese Frage stellt sich in der Schweiz nicht. Denn was ist schweizerische Kultur? Das ist halt eben von Kanton zu Kanton verschieden.
Eher halbherzig nimmt der Bund wahr, dass Bern Bundesstadt ist. Und er bezahlt für damit verbundene Kulturleistungen eine Million Franken, naherliegenderweise als «Bundesmillion» bezeichnet. Da wird man natürlich neugierig, wie das in Ländern gehandhabt wird, die Bundesstädte haben, welche die Bezeichnung kulturell auch wirklich verdienen.
In Deutschland haben sich Bund und Berlin «1999 darauf verständigt, im Rahmen des Hauptstadtkulturvertrages einen Hauptstadtkulturfonds einzurichten, aus dem für Berlin als Bundeshauptstadt bedeutsame Einzelprojekte und Veranstaltungen gefördert werden». Geld fliesst da seit Januar 2008 aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, nämlich jährlich bis zu 9,866 Millionen Euro.
Die Agglomeration Bern zählt gut 350’000 Personen, der Ballungsraum Berlin rund 3,5 Millionen Personen, also zehnmal mehr. Grössenmässig kommen Bundesmillion in der Schweiz und Hauptstadtkulturfonds in Deutschland also etwa hin. Direkt vergleichen lassen sich die beiden allerdings nicht. Wieviel Nation und Kapitale jeweils füreinander tun, ist eine sehr komplexe Frage, und es hat auch viel mit Geldern aus Bund, Land und Kommunen, Immobilienbewirtschaftung (Kultur findet in grossen Häusern statt) und Umwegrentabilitäten zu tun. Da wird’s einem ziemlich schnell schwindlig.
Der Bund hat mit Bern nun eine neue Leistungsvereinbarung abgeschlossen. Wir zitieren: «Wie bis anhin soll die Stadt Bern mit rund zwei Dritteln des Betrags Kulturinstitutionen fördern. Das restliche Drittel kommt kulturellen Projekten und Vorhaben zugute. Ab voraussichtlich 2014 werden das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee ausschliesslich vom Kanton Bern unterstützt werden. Ab diesem Zeitpunkt werden die Kunsthalle Bern und die Dampfzentrale Bern in den Kreis der aus dem Bundesbeitrag unterstützten Institutionen aufgenommen».
Ist man der Schweizer Volksseele zugetan, nennt man das eine nüchterne und pragmatische Vereinbarung, so durch und durch nüchtern und pragmatisch wie die Schweizer Volksseele eben ist. Anderswo würde man dies wohl als Abblocken einer Grundsatzdiskussion über die kulturellen Aufgaben einer Bundesstadt in einer globalisierten Welt mit den Mitteln der Bürokratie bezeichnen.
Wehret den Anfängen. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
