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Kulturpolitik generiert zahllose Verlierer

Von Wolfgang Böhler

 

18.11.2011 — Wir möchten die Aufmerksamkeit für einmal auf die Verlierer der Kreativbranchen lenken. Es ist erstaunlich, dass dies kaum getan wird. Eine Kunst- und Kreativwirtschaftsförderung, die diesen Namen auch verdient, generiert Masse, weil nur aus der Vielfalt der Ideen, Experimente und Projekte Neues entstehen kann. Dieses Fundamentalprinzip der Vitalisierung einer Gesellschaft produziert aber naturgemäss hundert, wenn nicht tausend Mal mehr Verlierer als Gewinner. Man kennt das Phänomen auch aus der traditionellen Wirtschaftsförderung: den wenigen Überfliegern kommt alle Aufmerksamkeit zu. Wer scheitert oder eher weniger als mehr erfolgreich vor sich hin dümpelt, bleibt im Schatten.

Nun sind Unternehmerpersönlichkeiten Stehaufmännchen, respektive mit dem Talent begabt, sich auch in schwierigen Situationen zurechtzufinden – oder zumindest wird das von ihnen (zu Recht) erwartet. Sie werden den Neuanfang wagen oder sich nach Alternativen umsehen. Die meisten Pleitiers oder Opfer von Misserfolgen sind dies nicht, weil sie persönliche Versager wären, sondern weil zum Aufbau eines neuen Unternehmens neben Können halt auch eine gehörige Portion Glück gehört.

In Kunst und Kreativwirtschaft ist der Prozentsatz der Verlierer an der Ganzheit derjenigen, die da ihr Glück versuchen, sicherlich noch weitaus höher als in traditionellen Wirtschaftsbranchen. Die Innovationen, nach denen gesucht wird, sind noch radikaler, Märkte werden häufig nicht erobert, sondern überhaupt erst erfunden, und es ist damit noch weitaus ungewisser, ob tragfähige Wege in die Zukunft begangen werden.

Alle, die eine künstlerische Karriere anstreben möchten, sollten dazu ermuntert werden. Das ist richtig so. In gewisser Hinsicht tut dies das schweizerische Fördersystem, in dem der Zugang zu Fördermitteln dank einer Vielfalt an staatlichen Institutionen und privaten Stiftungen relativ leicht ist. Sehr oft führt dies dazu, dass auch weniger erfolgreiche oder gar künstlerisch im Grunde genommen gänzlich Erfolglose sich über lange Zeit materiell durchschlagen können, bevor sich tatsächlich abzeichnet, dass sie aus dem «Betrieb» fallen werden. Dann werden sie von den Förderern aber alleine gelassen.

Paradoxerweise braucht es das Heer an Verlierern, um auch Gewinner generieren zu können. Man kann diese Unvereinbarkeit der Interessen nur dadurch auflösen, dass man allen Betroffenen bewusst macht, dass Kulturpolitik auf elementarem Niveau keinesfalls Sozialpolitik sein darf. Bevor nicht klar ist, dass sich jemand als Schriftsteller, Maler, Schauspieler und so weiter so etabliert hat, dass materielle Selbständigkeit eine rationale Perspektive darstellt, sollten Alternativen vorhanden sein.

Ein griffige Wirtschaftsförderung in der Kultur- und Kreativwirtschaft müsste Kreative begleiten und mit ihnen Modelle entwickeln, wie sie auf dem von ihnen angestrebten Niveau ihre kreativen Projekte verfolgen können (unter Wahrung vollkommener künstlerischer Freiheit) und trotzdem materiell selbständig bleiben (jenseits von Praktika-Hopping und Ausbeuterjobs in Dienstleistungsunternehmen).

Es müssen für sie «Exit Strategien» gefunden werden, damit sie, wenn es zu spät ist für konventionellen beruflichen Neuanfang, nicht völlig vor dem Nichts stehen und dennoch solange wie von ihnen erwünscht ihren künstlerischen Weg gehen können. Die gestiegene Akzeptanz ungewöhnlicher Lebensläufe in Wirtschaft und Gesellschaft käme dem entgegen.

Das wäre ein guter Anfang für eine dedizierte Wirtschaftsförderung in Sachen Kultur- und Kreativbranchen. (cf)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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