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24.12.2012 — Beim Musikkollegium Winterthur ist der Gesamtarbeitsvertrag vorsorglich gekündigt worden – ein ungewöhnlicher Vorgang und ein Symptom dafür, dass sich in der Schweizer Orchesterlandschaft einiges bewegt. Die Zeiten sind vorbei, in denen verbeamtete Klangkörper in jeder auch nur einigermassen ambitionierten Stadt sozusagen zum unhinterfragten Inventar gehörten. In Winterthur zwingen strukturelle Defizite die Orchesterleitung zu dem im Kulturleben ungewohnten Schritt. Einige andere Städte, etwa Basel und Bern, haben Neuorganisationen ihrer Orchester hinter sich. Grundsätzliche Fragen zu Sinn und Aufgaben der Orchester wurden da tunlichst nicht gestellt. Das Orchestra della Svizzera Italiana hat gar um seine Existenz gekämpft.
Die gesinnungsethischen Wogen gehen dabei ab und zu hoch. Zu glauben, das Problem sei eines der einfachen Alternativen – staatlich bestallte Orchester mit Lebenstellen oder kommerziell ausgerichtete, privat finanzierte Unternehmen – ist jedoch gefährlich. Die Herausforderungen sind komplexer.
Ob der Staat mit Steuergeldern eine kulturelle Grundversorgung absichern soll, ist die eine Frage. Er soll. Sogar in höherem Masse, als er das bisher tut. Das ist eine politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche (ja auch eine wirtschaftliche!) Notwendigkeit. Wie diese Grundversorgung auszusehen hat, steht hingegen auf einem andern Blatt.
Die kulturellen Leuchttürme hinken der Entwicklung auf andern Gebieten der staatlichen Grundversorgung hinterher. Verwaltungsangestellte, Mitarbeiter in Gesundheitswesen und Bildungsinstitutionen haben sich von den alten Privilegien Staatsangestellter in teils schmerzhaften Prozessen verabschiedet und sich im Dienst am Bürger neu ausgerichtet. Auch wenn da nicht immer alles läuft wie es sollte: Im Grossen und Ganzen sind die Reorganisationen staatlicher Strukturen ein Gewinn für alle.
Vielen Kulturinstitutionen steht dieser Prozess noch bevor. Bereits weitgehend bewältigt haben ihn die Museen. Für die Orchester, die vergleichsweise kostspieligsten Einrichtungen der öffentlichen Kulturförderung, scheint nun der Zeitpunkt dazu gekommen. Sie müssen flexibler werden.
Um was geht es dabei? Die Organisationen müssen darauf beharren und dafür kämpfen, dass die ästhetischen Ressourcen, die ein grosses Sinfonieorchester oder ein Kammerorchester bietet, nicht verloren gehen. Abbau von kultureller Qualität und den Infrastrukturen als Voraussetzung dazu können wir uns nicht leisten. Zum andern kann es aber auch nicht mehr Aufgabe der Orchester sein, ihren Mitgliedern den sicheren Hort einer garantierten Existenz zu bieten. Kulturpolitik ist nicht Sozialpolitik.
Die Musiker müssen sich also von der Vorstellung verabschieden, einen Orchesterposten als Lebensstelle zu besetzen und sich dort auf Dauer einrichten zu können. Die allzu starren Strukturen haben auch dazu geführt, dass sich die Orchester ästhetisch zu wenig vitalisiert haben. Nicht selten endet dieses vermeintliche Lebensglück ja auch mit einer harten Landung auf dem Boden der Realität gegen Ende der Karriere, wenn die Leistung nicht mehr erbracht wird und Mobbing, Depressionen und Burnouts den Traum beenden.
Es gibt andere Möglichkeiten, mit Hilfe gezielter Lebensplanung eine erfüllte, stressfreie und vitale Existenz als Musiker aufzubauen. Arbeitgeber und Arbeitnehmer bei den staatlich (hoch) subventionierten Orchestern tun gut daran, dazu zukunftsfähige Modelle differenziert, offen und mit Freude an innovativen Ideen zu diskutieren. Sich an überkommene und überlebte Privilegien zu klammern, kann nicht die Lösung sein. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
