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Sinneswandel bei den Bürgerlichen?

Von Wolfgang Böhler

 

09.03.2012 — Es ist ja selten, dass uns in Sachen Kulturpolitik freudiges Erstaunen überfällt, wenn’s ums «alte» Geld geht. Die staatstragenden bürgerlichen Institutionen in der Schweiz fördern in Sachen Kultur in der Regel Heimatschützerisches und Repräsentatives, das den Wohlstand der Oberen Mittelklasse unter den Eidgenossen unterstreicht – also eher Dinge, die dem Stand selber nützen und weniger der Kunst. Und nun das: Die Berner Burgergemeinde – bisher nicht gerade die Verkörperung kreativer Risikofreudigkeit, übergibt in Form ihres Kulturpreises dem Progr, einem jungen, politisch kämpferischen und verspielten Kreativzentrum in Bern, die nicht geringe Summe von 100’000 Franken in Form ihres Kulturpreises.

Im Gegensatz zu früher sei man heute bestrebt, junge und weniger etablierte Institutionen und Projekte auszuzeichnen, die noch am Wachsen seien, so der Burgergemeindepräsident Rolf Dähler laut Berichterstattungen in der Lokalpresse. Das ist nicht zuletzt deshalb ein starkes Bekenntnis, weil bürgerliche Kreise noch vor wenigen Jahren versucht hatten, die Kreativen aus dem Haus zu vertreiben und dieses als «Gesundheits-, Bildungs- und Kulturzentrum» unter eigene Kontrolle zu bringen. Die Berner Stimmbürger, die sich regelmässig für kreative Freiräume aussprechen (auch im Fall des autonomen Kulturzentrums Reithalle) haben dem einen Riegel geschoben.

Der Progr bietet (ähnlich wie in Zürich das Basislager) eine Konzentration erschwinglicher Atelier- und Proberäume mit Begegungszonen, in der nicht mit Architektur und ornamentalem Klimbim geklotzt wird, sondern findige Tüftler frei atmen können, ohne dass gleich irgendwelche Controller in ihren Kleinstunternehmen mit dem Finger durch Buchaltungslisten gleiten und nachrechnen, ob denn auch ja keine Staatsressourcen verschwendet werden.

Die Modelle haben Zukunft: Staat und bürgerliche Zivilgesellschaft sollten es weitestgehend den Kreativen überlassen, welche Interessen sie verfolgen wollen, welche Werke sie schaffen, welche Entdeckungen sie machen wollen. Sie sollten dafür Infrastrukturen zur Verfügung stellen, die nicht zu Repräsentationszwecken hochgezogen werden, sondern Freiräume schaffen: Ateliers, Räume für performative Experimente, Klangkörper, Studios, Netzwerke und so weiter.

Der Kulturpreis der Burgergemeinde an den Progr ist ein Zeichen dafür, dass man im bürgerlichen Lager sich etwas von der Paranoia zu befreien beginnt, wonach mit der Förderung von Künstlern und anderen Kreativen gleich Tür und Tor geöffnet werden, um Recht und Ordnung zu untergraben, den Staat zu zersetzen und Revolutionen auszurufen.

Statt Bedrohungen sehen die staatstragenden Kreise im Ausbrüten neuer Ideen und Sichtweisen auf die Welt offenbar mehr und mehr Chancen. Wenn das nicht ein Grund zum Feiern ist! Vielleicht mit einem guten Tropfen aus einer Staatskellerei? (cf)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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