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23.03.2012 — Man kann Kultiviertheit als Fähigkeit definieren, die intellektuellen und sinnlichen Fähigkeiten zur Weltwahrnehmung zu schärfen und angesichts verwirrender Eindrücke etwas Gelassenheit zu entwickeln. Man muss dann mit Blick auf die Debatte um das Buch «Der Kulturinfarkt» zum deprimierenden Schluss kommen, dass es damit tatsächlich nicht weit her ist. Die Debatte scheint mittlerweile auf erschreckende Art aus dem Ruder zu laufen, weil die einen nicht genau lesen können und die andern gleich zur juristischen Keule greifen, um eine genaue Lektüre zu erzwingen.
So führt das Buch «Der Kulturinfarkt» zum Diskursinfarkt. Schade, schade.
Um was geht es? Der Deutsche Kulturrat hat vorschnell behauptet, die Autoren des Buches (siehe «Codex flores»-Rezension) verlangten, die Hälfte der Kultursubventionen sei zu streichen. Dagegen haben die Autoren mit Erfolg eine gerichtliche Unterlassungserklärung eingefordert. Die hat der Kulturrat auch abgegeben.
Er schreibt: «Wir hatten in unserer Stellungnahme zu dem Spiegel-Artikel ,Die Hälfte?’ behauptet, die Autoren forderten 50% weniger für die Kultur. Diese Behauptung dürfen und werden wir nicht mehr aufstellen, denn in Wahrheit wollen die Autoren nicht den Kulturetat um 50% kürzen, sondern jede zweite mit öffentlichen Mitteln finanzierte Kultureinrichtung in Deutschland schliessen.»
Das erinnert etwas an die Ankedote um den Redaktor einer Stadtzeitung, der in einem Kommentar geschrieben hat, die Hälfte der Stadträte seien Esel, und dann nach Protesten erklärt, er korrigere sich, die Hälfte der Stadträte seien keine Esel. Es ist nämlich immer noch falsch. Die Autoren verlangen nicht, jede zweite mit öffentlichen Mitteln finanzierte Kultureinrichtung in Deutschland zu schliessen. Sie fragen sich bloss: Was wäre wenn? Das ist ein ziemlicher Unterschied.
Versteht man das Feuilleton als Debatten-Jahrmarkt, sollte man (teils recht wackelige) Argumente-Blechbüsen in der Schiessbude mit gut gefüllten Analyse-Sandbällen umwerfen und sich nicht vor dem Hau-den-Lukas prügeln. Persönliche Beschimpfungen wie «Nobodys», «frusterierte ältere Herren», «Schreibtischtäter im Staatssold, die kulturell selber nie etwas geleistet haben», gehören überdies ins Gruselkabinett. Sie bringen nicht einen einzigen brauchbaren Einwand gegen die Thesen der vier hervor.
Das Diskursniveau erinnert zur Zeit etwas an eine Privat-TV-Nachmittags-Talkshow. Gegen stumpfe Thesen kämpft man am besten mit spitzer Feder, nicht mit wildem Umsichschlagen. Debatten müssen möglich sein, auch emotionale, ohne dass sie personelle Opfer fordern, wie dies im Moment zu befürchten ist. Es darf nicht sein, dass der «Kulturinfarkt» mit Blick auf die Debattenkultur zur Self-Fulfilling Prophecy wird. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
