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Die Sprache staatlicher Kulturförderung

Von Wolfgang Böhler

 

20.04.2012 — Amtssprache: «Der Kulturboom der vergangenen Jahre, unter anderem Ausdruck und Folge der postindustriellen Freizeitgesellschaft, aber auch der Globalisierung und der Kulturalisierung der Ökonomie, hat zu einer Dichte und Verbreitung an kulturellen Angeboten geführt, die für die Nutzer/innen unüberschaubar sind. Ergebnis davon ist eine Asymmetrie zwischen Angebot und Nachfrage kultureller Produkte, die als Überangebot erscheint.»

«eine Asymmetrie…, die als Überangebot erscheint»: Ein Glanzstück sprachlicher Kontorsionskunst. Bei den Autoren des umstrittenen Buches «Der Kulturinfarkt» (siehe Rezension) heisst das «von allem zuviel» und meint genau das, was es sagt. Dem obigen Satz hingegen scheint man förmlich anzufühlen, wie sich die Autoren winden. Er steht im neuen Kulturleitbild der Stadt Basel, in dem die öffentliche Hand erklären muss, weshalb Kultur staatlich noch vermehrt förderbedürftig ist, obwohl’s eigentlich zuviel davon gibt.

Der direkt darauf folgende Satz im Leitbild (auf Seite 16 unter «Steuerungsprämissen der Kulturpolitik») ist auch nicht von schlechten Eltern: «Die knappe Ressource ist heute nicht mehr das einzelne Kunstwerk oder Kulturereignis, sondern die Aufmerksamkeit der Nutzer/innen.» Wir übersetzen: Man muss den Kulturkonsumenten heute irgendwie dazu bringen, mehr zu konsumieren, als er eigentlich will. En Löffel für’s Grosi, en Löffel für e Papi…

Fairerweise muss man sagen, dass Philipp Bischof, der Leiter der Abteilung Kultur des Kantons Basel-Stadt, der das Leitbild wesentlich mitverantwortet, sich dem Problem durchaus stellt. In einem Interview mit der Aargauer Zeitung erklärt er etwa, dass der Basler Kultur-Regierungsrat Guy Morin (sein Chef) etwa auch schon mal versucht habe, die Antikensammlung und das historische Museum zu fusionieren. Das sei schlecht angekommen. Er fragt sich in der Folge, was man tun könne, wenn Redimensionieren derartigen Widerstand hervorrufe. Auch sonst fällt Bischof mit differenzierten Voten zur laufenden Debatte auf.

Was steht sonst noch im Basler Kulturleitbild? Nach anderen sehr schönen Grundsatzüberlegungen geht’s ans Eingemachte: Da wird dann etwa nüchtern festgehalten, dass das Theater Basel innerhalb der Subventionsperiode 2007 bis 2010 beinahe sämtliche Reserven aufgebraucht hat und dass das Sinfonieorchester Basel (SOB) für 2009 und 2010 gar ein Defizit von 1,8 Millionen Franken budgetiert hat und zum Ende der laufenden Subventionsperiode 2011/12 ebenfalls beinahe alle Reserven aufgebraucht haben wird.

Das SOB (das steht nicht im Kulturleitbild) hat sich ja auch noch vom Konzertveranstalter Allgemeine Musikgesellschaft gelöst und riskiert in der kommenden Saison doppelte Angebote in Sachen Sinfoniekonzerte, womit wir wieder beim eloquenten Satz zum Einstieg in dieses Editorial wären. Branchenkenner bezeichnen den SOB-Entscheid auch als betriebswirtschaftlichen Selbstmord. Eine Art «Exit»-Strategie der andern Art.

Die Wünsche (wir vermeiden das hässliche Wort «Forderungen») des Kulturleitbildes ans Orchester werden in Watte gepackt: «Die Stiftung Sinfonieorchester Basel ist mit der Erneuerung des Subventionsvertrags 2012 – 2015 damit beauftragt worden, ihre Strukturen (Trägerschaft, Partnerschaften, Drittmittel) zu optimieren und einen höheren Eigenwirtschaftlichkeitsgrad zu erarbeiten.»

Kulturpolitik hat halt einfach ihre eigene Sprache. Im Vergleich dazu mutet internationale Diplomatie schon fast wie derbes Auf-den-Tisch-klopfen an. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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