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15.06.2012 — In der liberalen Postille Schweizer Monat interviewt Johannes M. Hediger – eine Hälfte des Künstlerduos Com&Com – Bazon Brock, den er als «einen der letzten grossen Kunstgurus mit Breitbandhorizont» bezeichnet. Da schwingt unüberhörbar Nostalgie mit, so als ob die Gegenwart keine grossen Denker des Weltgeistes mehr hervorzubringen vermöchte, bloss noch Intellektuelle mit Konfektionsgrösse S … oder XS, wenn man manieristische Litotes mag.
Brock mag tautologische Charakterisierungen der Kunst: «Kunst und Wissenschaft», zitiert ihn der Schweizer Monat, «sind Aussagensysteme, bei denen die Aussagenden keine andere Autorität nutzen können als ihre Autorschaft». Weder durch Markt, Erfolg noch durch Verkaufserfolge, noch durch Autoritäten anderer Art sei das «System» bedeutend geworden. Das gelte für die Wissenschaft ebenso wie für die Kunst. Meint Brock.
Das ist ein ziemlicher Brocken, den er uns da vorsetzt, als einer der letzten grossen Kunstgurus mit Breitbandhorizont. Und wenn’s um die Wissenschaft geht, ist es auch ziemlich falsch. Geht’s um die Wissenschaft, ist eher das Gegenteil wahr: Das «System» Wissenschaft legitimiert sich nicht durch willkürliche Selbstlegitimation, die Brock als einzige Form der Daseinsrechtfertigung für Künstler gelten zu lassen scheint, sondern dadurch, dass es eine gigantische Erfolgsgeschichte geschrieben hat.
Der Wissenschaft und ihrem fundamentalen Prinzip, wonach nichts im Intellekt ist, was nicht zuvor in den Sinnen war, ist es zu verdanken dass wir nicht mehr in einer Zeit autoritätsgläubiger Willkürherrschaft leben, nicht mehr in Höhlen leben und nicht mehr mit Steinschleudern und gespitzten Hölzern Tieren das Leben schwer machen.
Für die Kunst scheint Bazon Brock das Prinzip auf den Kopf stellen zu wollen: Nichts ist in den Sinnen, was nicht zuvor bloss im Intellekt war. Das heisst: Künstler und Kunstgurus mit Breitbandhorizont pfeifen seiner Auffassung gemäss am besten auf die Wirklichkeit. Man ist an ein Bonmot erinnert, das als Treppenwitz der Philosophiegeschichte Hegel den Ausruf «Pech für die Realität!» zuschreibt, nachdem man den Schöpfer des Weltgeistes auf Widersprüche zwischen seiner Theorie und der Wirklichkeit aufmerksam gemacht hat.
Dieser Brocken ist ein harter. Tatsächlich ist es kokett oder gar frivol, das notorisch schwierige Problem der Wahrheit künstlerischer Aussagen dadurch zu «lösen», dass man sich seiner einfach entledigt. Seriöse Kunsttheorie muss den unbedingten Wahrheitsanspruch vertreten, den auch die Wissenschaft für sich in Anspruch nimmt und das Tribunal der intersubjektiven Erfahrung als einzige Instanz anerkennen.
Eine der wichtigsten Aufgaben der Kunsttheorie ist es, den authentischen Wahrheitsanspruch der Kunst vor Terribles Simplificateurs, autoritären Wahrheitssetzungen und rhetorischen Gauklern zu schützen. Beides ist schwierig: Die epistemologische Ernsthaftigkeit der Kunst, aber gleichzeitig auch ihre Verspieltheit, Tabulosigkeit, Offenheit und Vielfalt zu verteidigen. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
