![]() |
04.08.2012 — Im Bundeshaus wird mal wieder eine Session vorbereitet. Auf der Tagesordnung steht dabei auch ein Postulat des Ständerates Luc Recordon («Entwicklung der Online-Zeitungen», 12.3579). Es forderte, so es denn angenommen würde, den Bundesrat auf zu prüfen, «mit welchen Mitteln die Entwicklung der Online-Zeitungen in der Schweiz unterstützt werden» könnten, «ohne dass ihre Unabhängigkeit auch nur im Geringsten tangiert» würde. Wir fühlen uns aus vermutlich nachvollziehbaren Gründen angesprochen. Würden wir denn staatliche Förderung von Online-Zeitungen (also von uns?) befürworten?
Wir müssen uns unter publizistisch Tätigen, vulgo Journalisten, ja nicht unbedingt Freunde machen und geben deshalb zu, dass uns die Aussicht auf Förderung des Online-Journalismus in frühen Phase der Geburt, in der er sich befindet, eher mit Unbehagen erfüllt.
Das Problem zeigt sich in der Liste der Beispiele, die Luc Recordon anführt. Er erwähnt unter anderen das französische Projekt Mediapart, das vom ehemaligen Chefredaktor von Le Monde ins Leben gerufen worden ist, und das Schweizer Journal 21, ein Produkt etablierter Redaktoren und Journalisten, die alten Wein in neue Schläuche füllen. Solche Projekte gerieten in den Fokus von Unterstützungsmassnahmen, weil ihre Gründer und Supporter die politische Klaviatur der Subventionierung beherrschen. Sie gehören nämlich zum Club.
Recordon beklagt eine Verzerrung des Wettbewerbs, weil etablierte elektronische Medien und Zeitungen Presseförderung erfahren – via Billag und reduzierte Postgebühren – reine Online-Medien hingegen nicht. Fördermassnahmen für Online-Zeitungen würden, so unsere Befürchtung, allerdings bloss neue Verzerrungen mit sich bringen, weil die Projekte der etablierten Brancheninsider gegenüber Marktneulingen zwangsläufig bevorzugt würden.
Zum Fördern braucht es Kriterien, die können nur auf Leistungen in der Vergangenheit zurückgreifen. Das wissen wir aus der Kulturförderung. Nobodys, die sich und ihren Markt halt eben erst mal erfinden müssen, gingen leer aus. Eine Förderung von Online-Zeitungen wäre in diesem Stadium der Branchenentwicklung also bloss strukturerhaltend und damit kontraproduktiv.
Der Forderung liegt vermutlich implizit die Überzeugung (der etablierten Online-Zeitungsgründer?) zugrunde, beim Aufbau eines neuen Unternehmens sei es für sie unzumutbar, mal ein paar Jahre unten durch zu müssen, um wirklich solide Geschäftmodelle zu entwickeln. Jede neue Industrie ist aber zuerst mal karges Land, das seinen Eroberern Opfer abverlangt und viele Verlierer und wenige Gewinner hervorbringt.
Man kann neue Märkte und Unternehmen wunderbar an der freien und gesunden Entwicklung hindern, indem man in sie schon staatlich eingreift, bevor sie sich überhaupt konstituiert haben. In diesem Sinn und Geist ist Recordons Postulat abzulehnen, so sympathisch (und verlockend) es im ersten Moment zu sein scheint. (cf)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
