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Europas Pläne für Kreative und Kulturschaffende

Von Wolfgang Böhler

 

05.10.2012 — Die Europäische Kommission hat vor einigen Tagen zuhanden des europäischen Parlamentes eine Mitteilung (COM(2012) 537) veröffentlicht. Sie soll laut Untertitel aufzeigen, wie «die Kultur- und Kreativwirtschaft als Motor für Wachstum und Beschäftigung in der EU» genutzt werden könnte. Innovation, steht da nach den üblichen schöngeistigen Beschwörungen der Bedeutung von Kultur, werde «zunehmend von nichttechnologischen Faktoren wie Kreativität, Design und neuen Organisations- und Geschäftsmodellen vorangetrieben». Sie sei in erheblichem Masse von kreativen «Ökosystemen» abhängig, in denen «die Qualität und Vielfalt der Akteure sowie der sektorübergreifenden Partnerschaften entscheidende Faktoren» seien.

Dann wird eine statistische Kenngrösse beschworen, die auf Basis sicherlich kluger Modelle aus Entwicklungszahlen rausgerechnet werden kann: Bei Unternehmen, die doppelt so viel Mittel in kreativen Input investieren wie der Durchschnitt, sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie Produktinnovationen hervorbrächten, um 25 Prozent höher als üblich.

Nachgeschoben werden dann auch wieder die notorischen Kultur-rettet-die-Welt-Szenarien, wonach die Kreativen eine «wichtige Ressource für gesellschaftliche Innovation und für die Bewältigung grosser gesellschaftlicher Herausforderungen (zum Beispiel Klimawandel, nachhaltige Entwicklung, demografischer Wandel und kulturelle Vielfalt)» darstellten. Das gilt natürlich auch für den Kampf um die Gleichheit der Geschlechter, den Sieg über den Welthunger, nachhaltigen Weltfrieden und Tilgung des Analphabetismus. Sei’s drum.

Voraussetzung erfolgreicher Strategien für die Kultur- und Kreativwirtschaft seien in der Regel «die vollständige Erfassung und Mobilisierung der kulturellen und kreativen Ressourcen eines bestimmten Gebiets», heisst’s in der Mitteilung. Solche Strategien seien ganzheitlich angelegt, strebten den Aufbau von Partnerschaften zwischen verschiedenen Bereichen an (Kultur, Industrie, Wirtschaft, Bildung, Tourismus, Raumplanung usw.) und würden alle relevanten Stakeholder des öffentlichen und privaten Sektors mit einbeziehen, um ein möglichst breites Engagement zu erreichen.

Die Europäische Kommission möchte dazu Finanzinstitute (zur Finanzierung von Geschäftsmodellen und Projekten) stärker in die Pflicht nehmen; sie möchte auch Kooperationen zwischen den Kultur- und Kreativirtschaftsvertretern sowie Branchen wie Tourismus und Informations- und Kommunikationstechnologien anregen.

Es braucht aber noch etwas mehr: In der Förderung von Jungunternehmen müssten vermehrt Modelle und Strategien berücksichtigt werden, die den speziellen Anforderungen von Klein- und Kleinstunternehmen an der Basis der Kultur- und Kreativirtschaft entsprechen.

Diese Firmen zeigen in der Regel eine langsamere Umsatzentwicklung und tiefere Margen als Industrieunternehmen, und sie florieren dank einer bunten Mischung an Produkten und Dienstleistungen, an Arbeitszeitmodellen und Mitarbeiterstrukturen. Solche Eigenschaften werden in der konventionellen Start-up-Förderung gerne als Hypotheken betrachtet.

Möglicherweise überraschende Kooperationspotentiale sieht die Mitteilung der Europäischen Kommission auch zwischen dem Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums und den Kreativen – nicht zuletzt zur Stärkung ländlicher Gebiete. Da ist der Europäischen Kommission nur beizupflichten: Denken in Kontrasten wie innovative Urbanität vs. konservative Provinzialität sind heute so falsch wie hinderlich.

Auch unter Schweizer Kulturschaffenden wird Innovation noch allzusehr mit Urbanität assoziiert. Dabei hätten doch gerade wir Eidgenossen im Stadt-Land-Ausgleich und der Hochachtung vor ländlichen Kulturen Kompetenzen, dank denen wir einen bedeutenden Beitrag zu globalen Herausforderungen regionaler Entwicklungen beitragen könnten. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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